Zweiter Abend bei den Syrern

17 Uhr war vereinbart, nur einer da. Sehe Schachbrett auf dem Bett liegen, fordere ihn zu einer Partie heraus. Er spiele gut, meint er selbstbewußt. Bekomme die weißen Steine zugelost: Blackmar-Diemer-Gambit, meine alte Lieblingswaffe, allerdings seit Jahren nicht mehr am Brett gesessen. Kann seine ganze Königsflanke aufreißen, gewinne drei Bauern, Partie praktisch gewonnen – und stelle dann einen Turm ein. Selbst jetzt mindestens Remis, vertändele aber meine Bauern und muß aufgeben.

Dann kommen zwei andere. Mehr werden es nicht. Von sechs letzter Woche, bleiben drei. „It’s better“, höre ich. Vermutlich interne Differenzen. Ein Vierter, der „Kuhverkäufer“, liegt nebenan in seinem Zimmer, spielt an seinem Handy herum, scheint plötzlich nicht mehr interessiert zu sein. „Der kommt aus Homs“, lachen die drei – wohl so eine Art Ostfriesenwitz. Tatsächlich verrät seine Physiognomie bereits die mangelnde Lernerfahrung: ein Fischergesicht oder Bauerngesicht, zerfurcht, sonnenverbrannt und große klobige Hände. Vielleicht ist das die syrische Formel: drei aus vier, die es (nach meiner bisherigen Einschätzung) theoretisch schaffen könnten. Die eritreische geht mehr gegen fifty-fifty, die somalische eins aus zehn oder so.

Karges Zimmer

حسين ,مهند ,خالد mit يورغ

Wir sprechen über Politik. Kommen auch auf gefälschte syrische Pässe zu sprechen. „Many, many!“ Afghanen und Iraker. Man erkennt das leicht an der Sprache. Ein Syrer könne einen Iraker gar nicht verstehen, so schreckliches Arabisch spräche der. Aber die Deutschen merken das nicht. Wie sollen sie auch, erwidere ich. Es fehlen Dolmetscher. Das ist deine Chance, sage ich zum Arabischlehrer: Werde Dolmetscher, lerne Deutsch und alle Tore stehen dir offen. Wir konjugieren …

Hilfsverben und Modalverben sitzen perfekt – sie haben in einer Woche gelernt, wofür die ebenfalls willigen Eritreer fünf brauchten. In 90 konzentrierten Minuten gehe ich regelmäßige und unregelmäßige Verben durch, die drei Geschlechter der Substantive und die häufigsten Adjektive – eine Menge Holz. Daraus sollen sie bis nächste Woche 300 Sätze schnitzen und ich bin sicher: sie schaffen das. Nur eine Unterbrechung: „Allahu Akbar“ als Klingelton, schnell und ohne Zögern stumm gestellt.

Auch diesmal darf ich mein Fahrrad nicht selber tragen. Und nächste Woche Revanche am Brett!

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