Die Gewaltspirale

Endlich geht dem „Spiegel“ ein Lichtlein auf: Deutschland beginne, so der neue Leitartikel im SPON, in den Strudel der Gewalt zu geraten. Und dann wird sie in langen Reihen aufgelistet: Gewalt gegen Flüchtlinge, Attacken gegen Helfer, Angriffe auf Journalisten, Attacken auf Polizisten. Eine grausame Bilanz! Und als Erklärung kann im zeitgenössischen Journalismus schon mal ein Tweet irgendeines Sören Herbst – die Googelei spuckt einen verbal attackierten Landtagsabgeordneten einer halbgroßen Umweltpartei aus – herhalten: „Drohungen und Gewalt sind die Sprache der Dummen.“ Gut gebrüllt Löwe!

Diese Spirale der Gewalt ist schon deswegen unaufhaltbar – und das ist nicht der einzige Grund – weil sie durch spiegelverkehrte Artikel wie den vorliegenden massiv angeheizt wird. Denn Gewalt gibt es ebenso auf der anderen Seite und wenn diese in den Medien nicht widergespiegelt wird, wird das zwangsläufig zur Eskalation beitragen: Warum will der „Spiegel“ nichts über die zahlreichen Angriffe der linksautonomen Szene auf Demonstranten, auf Politiker, auf Polizisten wissen. Wo ist der schwer verletzte Pegidist? Wieso zählt diese Form der Gewalt fast zur Zivilcourage? Wo sind die Straftaten, die von Flüchtlingen begangen werden – selbst wenn sie keinen statistischen Wert besitzen sollten, sind sie trotzdem und zwangsläufig da. Wo ist die Rede von den gedemütigten Christen in den Unterkünften, den belästigten und vergewaltigten Frauen? Warum muß ich, um diese Seite der Gewalt überhaupt mitzubekommen, oft auf „alternative“ Quellen oder kleingedruckte Polizeiberichte zurückgreifen?

Sören Herbst hat vollkommen recht: Drohungen und Gewalt sind die Sprachen der Dummen! Aber Dumme gibt es nun mal und Dumme sind auch Ergebnis einer Gesellschaft, die es offenbar nicht geschafft hat, Millionen Menschen zu entdummen. Dafür werden diese jetzt massenhaft entliked. Viel dümmer aber ist, andere durch den Vorwurf der Dummheit a priori auszuschließen.

Das BKA, zitiert der sogenannte „Spiegel“, will nun auch nicht ausschließen, daß es Tote geben könnte. Ich prophezeie: Es wird Tote geben, mit an Absolutheit grenzender Wahrscheinlichkeit, es muß zwangsläufig zu Blutvergießen kommen – das ist eine Frage der Physik und Psychik – und das wird nicht lange auf sich warten lassen, wenn man nicht endlich auch bereit ist, in Politik und Medien auf die Menschen zuzugehen, die „Dunkeldeutschland“ und „das Pack“ repräsentieren.

Ich hätte an dieser Stelle auch an die „Dummen“ appellieren können, doch nicht so dumm zu sein – was ich hiermit auch offiziell tue: Dumme, seid nicht dumm und bleibt friedlich! – aber ich appelliere an unsere Intelligenz, endlich intelligent zu werden!

Zweiter Abend bei den Syrern

17 Uhr war vereinbart, nur einer da. Sehe Schachbrett auf dem Bett liegen, fordere ihn zu einer Partie heraus. Er spiele gut, meint er selbstbewußt. Bekomme die weißen Steine zugelost: Blackmar-Diemer-Gambit, meine alte Lieblingswaffe, allerdings seit Jahren nicht mehr am Brett gesessen. Kann seine ganze Königsflanke aufreißen, gewinne drei Bauern, Partie praktisch gewonnen – und stelle dann einen Turm ein. Selbst jetzt mindestens Remis, vertändele aber meine Bauern und muß aufgeben.

Dann kommen zwei andere. Mehr werden es nicht. Von sechs letzter Woche, bleiben drei. „It’s better“, höre ich. Vermutlich interne Differenzen. Ein Vierter, der „Kuhverkäufer“, liegt nebenan in seinem Zimmer, spielt an seinem Handy herum, scheint plötzlich nicht mehr interessiert zu sein. „Der kommt aus Homs“, lachen die drei – wohl so eine Art Ostfriesenwitz. Tatsächlich verrät seine Physiognomie bereits die mangelnde Lernerfahrung: ein Fischergesicht oder Bauerngesicht, zerfurcht, sonnenverbrannt und große klobige Hände. Vielleicht ist das die syrische Formel: drei aus vier, die es (nach meiner bisherigen Einschätzung) theoretisch schaffen könnten. Die eritreische geht mehr gegen fifty-fifty, die somalische eins aus zehn oder so.

Karges Zimmer

حسين ,مهند ,خالد mit يورغ

Wir sprechen über Politik. Kommen auch auf gefälschte syrische Pässe zu sprechen. „Many, many!“ Afghanen und Iraker. Man erkennt das leicht an der Sprache. Ein Syrer könne einen Iraker gar nicht verstehen, so schreckliches Arabisch spräche der. Aber die Deutschen merken das nicht. Wie sollen sie auch, erwidere ich. Es fehlen Dolmetscher. Das ist deine Chance, sage ich zum Arabischlehrer: Werde Dolmetscher, lerne Deutsch und alle Tore stehen dir offen. Wir konjugieren …

Hilfsverben und Modalverben sitzen perfekt – sie haben in einer Woche gelernt, wofür die ebenfalls willigen Eritreer fünf brauchten. In 90 konzentrierten Minuten gehe ich regelmäßige und unregelmäßige Verben durch, die drei Geschlechter der Substantive und die häufigsten Adjektive – eine Menge Holz. Daraus sollen sie bis nächste Woche 300 Sätze schnitzen und ich bin sicher: sie schaffen das. Nur eine Unterbrechung: „Allahu Akbar“ als Klingelton, schnell und ohne Zögern stumm gestellt.

Auch diesmal darf ich mein Fahrrad nicht selber tragen. Und nächste Woche Revanche am Brett!