Dummheit und Macht

Diesmal fasse ich mich kurz, auch wenn Thomas Assheuers Leitartikel in der „Zeit“ eine ähnlich umfassende Auseinandersetzung verdiente wie Etienne Balibars Pamphlet die Woche zuvor. Nur um ein kleines erhellendes Schlaglicht in Assheuers Vergangenheit zu werfen, sei daran erinnert, daß er es war, der im Jahre 1999 auf Anraten eines Habermas den zu populär gewordenen Philosophen Peter Sloterdijk durch intellektuelle Denunziation mundtot zu machen versuchte.

Assheuer nimmt noch immer eine Schlüsselstellung im medial-politischen Komplex ein und daß er die „;Flüchtlings‘-‚Politik‘“ der Klasse, die er eifrig vertritt, auch unterstützt, kann niemanden überraschen.

Ich empfehle, den Artikel, der das Lied: „Es ist nun also wie es ist und Gegenwehr ist sinnlos“ singt, genau zu studieren, will selbst aber nur auf ein klitzekleines – unter Myriaden – Beispiel systemimmanenter Dummheit und Abgehobenheit hinweisen. Der an unfreiwilliger Komik kaum zu übertreffende Satz lautet: „Vielleicht muß man die Panikmacher und Einpeitscher einfach ertragen, genauso wie den Dresdner Villenbewohner und Pegida-Fan, dem es übel wird bei der Vorstellung, er müsse beim Toleranzsingen in der Semperoper neben einem Asylbewerber mit Freikarte sitzen.“

Ich fürchte, Herr Assheuer, mit dem beängstigend-verdächtigen „vielleicht“, ich fürchte, Sie müssen das tatsächlich ertragen und Sie müssen viel mehr ertragen, denn der „Panikmacher und Einpeitscher“ gibt es Millionen und wohl auch zehntausende Villenbewohner und Pegida-Fans, die schließlich auch etwas – wenn auch nur eine Singularität – ertragen müßten, nämlich den Asylbewerber in der Semperoper.

Als ob der operngehende Asylbewerber unser Problem wäre und als ob wir regelrecht von theateraffinen und kulturhungrigen Menschen überflutet würden. Das ist der Kosmos des Parallelwelten- und „Villenbewohners“ Assheuer, dem es offenbar und umfassend an Realkontakt mangelt – und solche Leute sind unsere Meinungsmacher …

Auch das hier ansässige Theater, das im Übrigen seit vielen Jahren um die blanke Existenz kämpft und dem nun im Zuge von Sparmaßnahmen die nächste Sparte gestrichen wurde, vergibt Freikarten an Asylbewerber. Daraufhin empfahl ich meinen 20 Eritreern, diese Gelegenheit zu nutzen. Den Gedanken mußte ich mehrfach drehen und wenden, bevor sie ihn überhaupt fassen konnten. Mit großen, ungläubigen Augen schauten sie mich an – Theater? Was ist das? Sie wußten damit gar nichts anzufangen, sie haben noch nie von einem Theater gehört und selbst wenn dem nicht so wäre, sie haben weder die kulturellen noch sprachlichen Fähigkeiten und wollen auch gar keine Toleranzlieder, geschweige denn Goethe oder Shakespeare hören – die sie – ich muß es ja kaum noch betonen – beide nicht kennen. Die wissen noch nicht mal wer Hitler war, Herr Assheuer. Ist Ihnen überhaupt klar, was das bedeutet?!

Gestern rief ich im Theater an und fragte nach den Freikarten, wie rege denn das Angebot genutzt würde: Guess what!