AfD – Wahnsinn II

Ähnliche Masche bei Gauland: Fast alle – die anderen vertreten in der Regel die Schweigepolitik – haben sich genüßlich auf die „nützlichen Idioten“ gestürzt. So habe der brandenburgische Vorsitzende der AfD die freiwilligen Helfer bezeichnet: „Die Welt„, „Süddeutsche„, „TAZ„, „Tagesspiegel„, „Stern„, „Neues Deutschland„, „Berliner Zeitung„, „rbb„,“Märkische Allgemeine“ …

Tatsächlich sagte Gauland: „Die Kommunen sind mit ihren Mitteln am Ende und die zugegebenermaßen bewundernswerten freiwilligen Helfer werden immer mehr zu nützlichen Idioten einer verantwortungslosen Utopie herabgewürdigt.“

18. Plenarsitzung des Brandenburgischen Landtags (ab 1:40 min):

AfD – Wahnsinn

Björn Höcke ist ein Sonderling, gefährlich und verrückt, meint – in wenigen Worten zusammengefaßt – die linksliberale Huffington Post“. Und dafür gibt es gute Gründe, genau genommen sind es fünf:

1. Höcke hielt als Lehrer die Landesflagge (Karte?) hoch = Nazi
2. Höcke kleidet sich gut = Nazi
3. Höcke kritisierte die Bombardierung Dresdens = Nazi
4. Höcke liebt die Natur = das ist sowas von Nazi
5. Höcke verehrt Preußen = Nazi

Wehret den Anfängen! Erwachet!

http://www.huffingtonpost.de/2015/11/02/bjoern-hoecke-fakten-leserbrief_n_8451168.htm

 

 

It’s better to die

„Familiennachzug begrenzen – Unchristlich, aber unvermeidlich?“ – so lautete eine Diskussionsrunde bei Anne Will. Nicht mein Konflikt und dennoch stand ich heute vor der schweren Aufgabe, die ich mir nicht ausgesucht habe, die Aussetzung des Familiennachzuges dem Syrer Muhannad nahe zu bringen. Es kann dauern, Jahre, vielleicht wird es gar nichts, vielleicht doch …

Er hat vier Kinder, eine Frau. Sie leben nicht mehr zu Hause, denn dort sei es gefährlich, sie sind bei den Großeltern untergebracht. Er zeigt mir Videos von lebensfrohen Kindern, acht oder zehn Jahre alt. Die eine wünscht ihn sich zurück, dann fehlen ihr die Worte. Im Hintergrund hört man die Mutter freundlich motivierend, aber der Kleinen fällt vor der Kamera nichts mehr ein, verschämt druckst sie herum. Die jüngste Tochter rezitiert stolz ein paar Verse von Allah und Mohammed, die sie in der Madrasa gelernt hat. Die Kinder sitzen im Bett oder auf dem polierten Steinfußboden, Jeans, T-Shirt, das Haus – soweit man sehen kann – ist sauber und westlich eingerichtet. Ein Photo von seiner Frau aus glücklicheren Tagen: ein rundes Gesicht von rotem Stoff umrahmt. Wenn er telefoniere, so sagt er, dann könne er manchmal die Bombeneinschläge hören. Vor wenigen Tagen erst sei in der Apotheke gegenüber eine Granate eingeschlagen und habe auch die Fenster der großelterlichen Wohnung zerstört. Im Auto sei ein Blindgänger gelandet. Trotzdem nennt er die Gegend verhältnismäßig sicher.

Als ich die neuen Beschlüsse zum Familiennachzug erkläre, wird er still, werden wir alle still. Er ringt um Worte, schluckt. Dann sagt er: „But I hope … I will wait“. Wieder Ruhe und der Satz: „Than it’s better to go back and die with my family“.

Nach der Lektion spricht er noch: „I hope you can help me!“ Was soll ich sagen? Ich nicke und zucke mit den Schultern zugleich.

Muslime in Dänemark II

Anfang des Jahres hatte Imam Oussama El-Saadi, Vorsitzender der Grimhøjmoschee im Aarhuser Problemviertel Gjellerup, noch die Chuzpe – selbstverständlich vom Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt – im Namen seiner Gemeinde und vor laufender Kamera, sich den Sieg der ISIS zu wünschen: „Für uns gilt: Wir wollen, daß der Islamische Staat vorankommt. Aber das bedeutet nicht, daß es jener Islamische Staat sein muß, den man gerade sieht“. Auch die Einrichtung eines/des weltweiten Islamischen Staates schien ihm sympathisch zu sein: „Aber wir wünschen uns, eines Tages einen Islamischen Staat weltweit zu sehen“. Auf die Frage, ob dänische Piloten, die den ISIS in Syrien bombardierten, also auch Krieg gegen „euch“ (Muslime im allgemeinen und dänische Muslime) führten, antwortete er im Januar mit einem entschlossenen „Yes, sicher“.

Neues Bild

Großer Aufruhr in den Medien. Selbst Naser Khader, syrischstämmiger liberaler Politiker und Muslim und einst Gründer der „Liberalen Alliance“ plädierte daraufhin, und weil El Saadi mit zurückgekehrten Syrienkämpfern in persönlichem Kontakt stand, für die Schließung der Moschee. Doch die dänischen Behörden setzten auf Dialog und nun scheint sich dieser Einsatz gelohnt zu haben. In einem Interview des Regionalsenders TV2 Østjylland legt der Imam eine klassische Pirouette hin. Stolz berichtet der Sender in politisch korrekter Sprache: „Grimhøj mit Kehrtwende: Kämpft gegen Syrienreisende (sic! – syriensfarere)“.

Lächelnd und in holprigem Dänisch erklärt El-Saadi vor schwarzer Flagge: „Wir versuchen, ihnen zu erklären, daß es eine schlechte Idee ist, daß man gegeneinander kämpft, als Muslime in Syrien.“ Gern nimmt der Sender den Ball auf und betont die nun hilfreiche Mitarbeit des Imams, der aktiv in die Entscheidungen der jungen Männer, welche in den Krieg zu ziehen überlegen, eingreift. Und auch die Polizei zeigt sich dankbar. Immerhin konnte die Zahl der „Reisenden“ von 30 im Jahre 2014 auf vier im laufenden Jahre verringert werden, „soweit man weiß“. „Für viele überraschend, wählte die Moschee nun die Zusammenarbeit“, verkündet der Sender sichtlich beruhigt. Vertreter verschiedener Behörden sekundieren gern.

El-Saadi bringt auf den Punkt, wie Dialog funktioniert: „Niemand schreibt uns vor, was wir zu tun haben, weder die Polizei noch die Politik. Es war ein Dialog. Wir haben ihnen Ratschläge gegeben und sie gaben uns auch einige Ratschläge.“ Dann plaudert er aus dem Nähkästchen: Eines Tages kam ein junger Kerl zu ihm und wollte „gerne nach Syrien reisen“. El Saadi riet ihm ab und „nach zwei Wochen traf er ihn wieder und der junge Mann konnte ihm stolz berichten: ‚Ich habe einen schönen Job gefunden, ich arbeite, ich bin sehr zufrieden, alles ist in bester Ordnung“ – sowas hört man bei TV2 gerne und sieht daher keine Notwendigkeit, nachzufragen. Der Behördenchef konstatiert mit Freude, daß die Grimhøj-Leute nun endlich eingesehen hätten, wie „Religion und gesellschaftliche Pflichten Hand in Hand gehen können“.

Das freilich waren nicht ganz die Worte des Imams. Man muß sie sich auf der Zunge zergehen lassen: die schlechte Idee, von der man die potentiellen Gotteskrieger abbringen wollte, war, auf den Hauptsatz reduziert: „… daß man gegeneinander kämpft, als Muslime …“ – ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Kleine Flaggenkunde Pegida II

Dresdener Impressionen

Neben den Staatsflaggen findet sich auch eine ganze Reihe von Landesflaggen.

Eine brandenburgische Fraktion:

Brandenb

Bayern im Lichterglanz:

Bayern

Die sächsische Flagge mit Wappen. Auch das stellt eigentlich eine Ordnungswidrigkeit dar, da diese Flagge nur staatlichen Institutionen zusteht. Frei hingegen ist die grün-weiße Flagge.

SAchsen klassisch

Auf die „stolze Tradition Sachsens“ wollte der Träger dieser Flagge hinweisen.

Sachseb König

Auf ihr ist das Wappen des Königreiches Sachsen zu sehen – die Flagge war von 1816 bis 1918 im Dienst. Sie erinnert u.a. an die 1848/49 er Revolution. Auch die schwarz-gelbe (nicht Dynamo Dresden) Vorgängerflagge des Königreichs Sachsen (1805-1815) war zu sehen.

Wer bei der Niederschlesischen Flagge

schlesien

reflexartig „Revanchismus“ ruft, muß sich historisch belehren lassen. Der Träger gab als Argument vor, seine Frau sei aus Glogau, weshalb er die Flagge trage. Ich selbst war der Meinung, das sei „nicht ganz ohne“. Tatsächlich aber gehörten Teile des heutigen Sachsen – Niederlausitz (Görlitz) – zur preußischen Provinz Schlesien und wurden nach 1945 Sachsen zugeschlagen. Das Tragen der gelb-weißen Flagge ist laut Verfassung des Freistaates auch heute noch in diesen Gebieten – ebenso wie in den sorbischen Gebieten die sorbische Flagge – neben der sächsischen gleichberechtigt erlaubt.

Zwei Flaggen stellten mich vor große Rätsel.

Saarland

Weißes skandinavisches Kreuz auf rotem und blauem Grund – der Träger war aus dem Saarland angereist und trug die saarländische Protektoratsflagge, die von 1946 – 1957 gültig war.

„Flag of Saar (1947–1956)“ von User:Khardan - Eigenes Werk. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons ©https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Flag_of_Saar_

© Wiki gemeinfrei

In diesen Jahren war das Saarland zwar Frankreich unterstellt – daher die Tricolore-Farben –, besaß aber eine teilweise Souveränität. 1955 wurde dann in einem Volksentscheid die Angliederung an die Bundesrepublik mit 67% zu 33% legitimiert. Auf diesen Volksentscheid kam es dem Saarländer besonders an – er begriff das Mitführen der Flagge also als symbolischen Ausdruck für die Forderung nach Volksentscheiden in wesentlichen Fragen.

Träger dieser Flagge

Kurpfalz

war ein junger Mann in Bundeswehruniform. Er stammte aus Kaiserslautern und trug die (historische?) Flagge der Kurpfalz die wohl bis 1777, als die Wittelsbacher Linie ausgestorben war und die Pfalz Bayern angeschlossen wurde, gültig war.

Unter den politischen Flaggen, die bei Pegida-Demonstrationen gezeigt werden, muß man Phantasieprodukte oder Willensentäußerungen von Symbolen politischer Bewegungen unterscheiden.

Weltberühmt und eher dem linken Spektrum zugehörend, ist die Regenbogenflagge der Friedensbewegung mit der Aufschrift „Pace“ oder „Peace“.

pace

Sie wird auch bei Greenpeace und gelegentlich bei Homosexuellenkundgebungen gezeigt. Sie „dient in vielen Kulturen weltweit als Zeichen der Toleranz bzw. Akzeptanz, Vielfältigkeit, der Hoffnung und der Sehnsucht“ (Wiki).

Am ganz anderen Pol, was die Verbindlichkeit betrifft, ist dagegen die Flagge der „Identitären Bewegung“ einzuordnen, hier in einer stark stilisierten Form – es gibt sie auch in Umkehrfarben.

IdentitDas Lambda, der griechische Buchstabe „Λ“, steht für „Lakedaimon“, den antiken Stadtstaat, dessen geistiges Zentrum Sparta war. Die Identitären sind eine vor allem junge Bewegung – auch wenn der Träger der Flagge die 50 bereits überschritten haben dürfte – deren Hauptziel es ist, „den großen Austausch“ der Bevölkerung zu verhindern. Sie setzt dabei vor allem auf spektakuläre und symbolische Aktionen, bemüht sich aber auch um eine „metapolitische“ Fundierung.

Die Flagge „Widerstand“ konnte weder der Träger noch eine Recherche aufklären. Das Wort stand dort Pate für die zu transportierende Botschaft.

WiderstandGleiches gilt für die Phantasiefahne „Frieden – Mir – Peace“.

Freieden

Das Rentnerehepaar wollte eigentlich die in der DDR weit verbreitete Picassotaube, doch ist diese urheberrechtlich geschützt und diese weiße Taube auf hellblauem Grund kam dem am nächsten.

Eine Aufnahme der polnischen, ungarischen und norwegischen Landesfahnen ist mir leider nicht gelungen.

Fortsetzung: Kleine Flaggenkunde Pegida I

Kleine Flaggenkunde Pegida I

Dresdener Impressionen

Pegida ist vielfältig, mehrsprachig, bunt, multikulti. Davon zeugen auch die bunten Fahnen. Hier eine kleine Phänomenologie mit Erklärungen.

Am häufigsten vertreten ist wohl die Nationalflagge. Eine Abart davon wird hier gezeigt – gelb, rot, schwarz:

D gedrehtWird auch gern als Strickmütze getragen:

D gedreht Mütze

Man begründete das mit alter Tradition, früher sei die Fahne eben so gehalten worden. Tatsächlich kam mir sofort das Hambacher Fest in den Sinn, aber die Befragten wußten damit nichts anzufangen. Viel mehr wurde betont, daß sie damit ausdrücken wollten, wie verdreht alle Politik heutzutage in Deutschland sei.

Zahlenmäßig mindestens gleichwertig die mittlerweile berühmt gewordene Wirmer-Flagge.

Wirmer

Josef Wirmer, der Vater dieser Schöpfung, die das christliche Kreuz und die deutschen Nationalfarben kombiniert, stand dem Stauffenberg-Kreis nahe, war Katholik und konservativer Politiker. Die Flagge sollte als neue, unverbrauchte Nationalflagge nach erfolgtem Attentat auf Hitler dienen. Insofern erscheint es nur logisch, wenn politische Bewegungen, die sich im Erbe der „Konservativen Revolution“ sehen – die im Übrigen standhafte Antifaschisten hervorgebracht hat – sich zu dieser Fahne bekennen und das mediale Entsetzen ist nur dann zu verstehen, wenn man begreift, daß in der Öffentlichkeit noch immer eine undifferenzierte Gleichung zwischen Nationalsozialismus und Konservatismus gezogen wird.

Unter den Staatsflaggen dürfte dann die russische am weitesten verbreitet sein. Damit wollen die meisten Fahnenträger wohl eine andere, nicht-konfrontative Rußlandpolitik einfordern. Auch eine Transformation der Deutsch-Sowjetischen in eine Deutsch-Russische Freundschaft ist denkbar. Im vorliegenden Falle wird die Standarte des russischen Präsidenten getragen, eine Dienstflagge, die wohl Putinnähe als auch historische Größe und christliches Erbe (der Heilige Georg als Erzmärtyrer der Orthodoxen Kirchen) darstellen soll.

Rußland

Eine Hybridform aus deutschen und russischen Nationalfarben symbolisiert diesen Vorsatz unzweideutig. Diese Flagge wurde von zwei Krim-Russen getragen, die bereits zum vierten Mal an der Demonstration teilnahmen.

DeuRuss

Teilnehmer aus Österreich signalisieren Ihre Anwesenheit.

Österreich

Hier handelt es sich um die Bundesdienstflagge, einer Kombination aus Bundesflagge (rot-weiß) und Bundeswappen. Das Tragen dieser Flagge steht nur dem Heer und den staatlichen Institutionen zu – ein zweckentfremdetes Tragen kann mit Bußgeld bedacht werden. Da der Adler die Souveränität Österreichs symbolisiert, mag der unmittelbare Anlaß die Flüchtlingskrise und die damit verbundenen Grenzverletzungen gewesen sein. Der Träger in rot-weißer Mütze, vereint an der Fahnenstange auch die tschechische und deutsche Flagge.

Die blau-gelbe Flagge dürfte Demonstranten aus der Oberlausitz gehören, kann kann aber auch die Ukrainische Staatsflagge darstellen oder aber die Flagge des ehemaligen Landes Braunschweig.

ukraineDiese kleine israelische Flagge über deutscher und umseitig Berliner Flagge

Israel

soll, so erklärte die Mittfünfzigerin, ihre Sorge um den israelischen Staat und die Juden ausdrücken, deren Rechte sie durch einen erstarkenden Islam gefährdet sieht.

Fortsetzung: zum zweiten Teil – Kleine Flaggenkunde Pegida

Alltag in Deutschland

Sitze gerade mit meiner eritreischen Studiengruppe und konjugiere die Modalverben durch, als es klingelt.

Eritreische Gruppe

In der Tür erscheint ein nach Haut- und Haarfarbe, Kleidung, Mimik, Gestik und Sprache vermutlich gebürtiger Deutscher. Kein regionales Idiom, Herkunft überhaupt nicht nachweisbar. Er stellt sich als Eigentümer des Hauses vor und wolle den Zustand der Wohnungen begutachten. Erschrickt ein wenig, einen Landsmann vorzufinden. „Wer sind Sie?“ – Nenne meinen Namen: „Gebe Deutsch“ – „Sehr gut! Können Sie nicht auch die Männer in der Wohnung gegenüber unterrichten? Die brauchen Beschäftigung“ – „Kann leider nicht die ganze Welt retten. Ist ohnehin etwas schwierig; das sind Somalier, ganz anders als meine Eritreer“ – „Ja, das sieht man. Hier herrscht ja Ordnung, wie ich sehe. Da drüben ist alles drunter und drüber.“

Ich frage ihn, ob er tatsächlich der Eigentümer sei. „Ja, habe die Häuser vor zwei Tagen gekauft und wußte gar nicht, daß Immigranten darin leben.“ Frage mich, ob das eine angenehme oder böse Überraschung gewesen sei. Erzähle ihm dann vom fehlenden Antennenanschluß in allen Wohnungen und von dessen Notwendigkeit, wenn diese Menschen tatsächlich Deutsch lernen sollen. „Ah ja, ich habe es notiert“ Ich sehe weder Stift noch Blatt – wurde wohl aufs innere Whiteboard geschrieben und sogleich wieder weggewischt. Leider fehlt mir die Geistesgegenwart, gleich nach der Telefonnummer zu fragen.

Dann erscheint doch noch ein nichtimmigrantischer Bewohner im Treppengang, Frisur eines Amazonas-Indianers, rosa T-Shirt mit eingeschnittenen Löchern, Erbsenbrust, quallige Konsistenz. Gehört vermutlich einem der 58 Minderheitengeschlechter an. Muß bedauerlicherweise meinen mangelnden Bildungsstand in diesen Fragen beklagen. Der Mensch spricht eine Art Deutsch, gestikuliert wild, beschwert sich wohl über irgendetwas, defekte Rohre. Wir hören zu und beschließen nach 30 Sekunden, ihn zu ignorieren, was er anstandslos hinnimmt. Hausbesitzer bedankt sich bei mir – „Wie war noch mal Ihr Name?“ Schalte noch immer nicht. Tür zu. Weiter im Stoff. „Senaid, konjugiere bitte ‚wollen‘“

Die gute Nachricht

Nach „Informationen“ eines syrischen Geheimagenten, berichtet der „Sunday Express“, sollen bisher 4000 ISIS-Kämpfer als refugees getarnt den Weg nach Europa zurückgelegt haben.

Nun bestätigte „Jyllands-Posten“, daß vier der Pariser Attentäter als Flüchtlinge nach Europa einreisten, darunter auch Abdelhamid Abaaouds, der „Kopf“ der ISIS-Terroristen, der die Tour im letzten Jahr sogar zweimal unternommen haben soll. Die „Neue Zürcher Zeitung“ spricht sogar von fünf.

Die gute Nachricht: Nur noch 3995!

Besuch bei Tante Pegida

Dresdener Impressionen

Zugegeben, ein bißchen mulmig war mir schon vor dem Sturz in die fremdenfeindliche Masse. Aber einmal in Dresden, mußte ich mir selber einen Eindruck verschaffen – nur Eigenerfahrung schafft Gewißheit. „Volksverräter“ zu rufen oder „Lügenpresse“, das würde mir nicht einfallen. Und als ich den Platz betreten wollte, liefen doch tatsächlich drei Skinheads in Doc Martens und hochgekrempelten Jeanshosen vor mir her.

Zuvor sah ich mir auch die Gegendemo „Herz statt Hetze“ am Bahnhof an. Geschätzte knapp 1000 Leute waren versammelt, alles ruhig, alles friedlich, mühsam rackerten sich einige Redner für spärlichen Applaus ab.

HerzMan schwatzte und lachte – das Durchschnittsalter Mitte 20; fast nur StudentInnen, die EnkelInnengeneration. Als ein bärtiger Redner dann sagte: „Nu stellt euch mal vor, wir wären alles Syrer – was wäre denn dann?“, sah ich den rechten Moment gekommen, zum Hauptereignis weiter zu gehen. Nach Medienberichten wurden von der Organisation „Durchgezählt“ 4000 bis 6000 Menschen mit Herz ermittelt.

Wenige Minuten später auf dem Theaterplatz. Die Semperoper nutzte ihre große Anzeigetafel, Semper

um gegen Fremdenhaß zu demonstrieren. Zehn Minuten vor Beginn wirkte der Platz noch leer, ein japanisches Fernsehteam versuchte Demonstranten zu interviewen,Japan überall stand man in Gruppen zusammen, sprach und lachte. Eine entspannte Atmosphäre – ich war sofort beruhigt, schaute mir diverse Protestplakate an. Nur eines fand ich problematisch.

P1020688Sollte man die Leute ansprechen, „Zivilcourage“ zeigen? Träger war ein gemütlich dreinschauendes Rentnerehepaar, die Botschaft wohl eine Retourkutsche für Gabriels „Pack“ und dem Ruf nach Gefängnis. In diesem Moment entschied ich, daß freie Meinungsäußerung ein durchaus weiter Begriff sein sollte. Ein anderer Rentner trug ein Schild: „Özdmir sagt: Deutschland soll islamisch werden“. Ich sprach den alten Herrn an, mir die Quelle dieses unglaubhaften Zitats zu nennen, was er nicht konnte, mir aber felsenfest versicherte, daß C.Ö. dies nun mal gesagt habe. (Später machen Recherchen eine fragwürdige Quelle aus: ein sehr suggestives Gespräch Stürzenbergers mit einer sehr seltsam wirkenden Susanne Zeller-Hirzel …).

Laute Musik von einer überraschend primitiven Bühne. Als Bachmann ans Mikro trat, war der Platz plötzlich rappelvoll gefüllt. Wie viele Menschen das waren, kann ich nicht beurteilen, aber ein Vielfaches der Herz-Demo – in der Presse waren Zahlen zwischen 7000 und 8500 „durchgezählt“ worden, – beides kann nicht stimmen.

Bachmann erinnert an die historische Bedeutung des 9. Novembers und zählt eine ganze Reihe zum Teil recht weit hergeholte Ereignisse auf. Die Reichspogromnacht kommt zum Schluß – man gedenke der Opfer, daher heute Schweigemarsch. Der Zug setzt sich in Bewegung durch die Innenstadt. Anfang und Ende sind auch an den besten Sichtachsen nicht zu erkennen – Länge daher mindestens 1 km. Keine Parolen werden skandiert. Ich laufe durch die Reihen und lausche bewußt den Gesprächen. Merkel,Merkelna klar, Flüchtlingspolitik, TTIP und auch Alltag werden diskutiert. Soziologisch ein guter Querschnitt, Durchschnittsalter 40 plus, wesentlich gutbürgerlich, auch proletarisches und akademisches Element gut vertreten, eine Tante-und-Onkel-Party. Die Gespräche sind in der Regel recht anspruchsvoll. Eine Frau mit ungarischem oder osteuropäischem Akzent berichtet aus „eigener Erfahrung“ von Flüchtlingen, die nagelneue Schuhe nicht haben wollten, weil diese aus China und keine Markenware gewesen wären. „Die sind so fresch“. Weiter vorn empfiehlt eine Frau einen ökologischen Fleischer. Gegendemonstranten sind nicht in Sicht. Einmal will einer „wir sind das Volk“ skandieren, wird aber sofort zurückgepfiffen: „Halt die Klappe“.

Wieder auf dem Theaterplatz angekommen, hält Tatjana Festerling eine für ihre Verhältnisse eher seriöse Rede über den „Schuldkult“, den sie mit dem heutigen Tage für beendet erklärt. 70 Jahre sei es her und 12 Jahre sollten eine lange Geschichte nicht aufwiegen, die „Hitlerei“ sei vorbei, die „Hitlerphantasie und Naziobsession der linksversifften Medien“ verlangten nach Therapie, Generationen, die damit nichts zu tun hatten, dürften sich davon nicht mehr regieren lassen usw.

Dann singt man noch die Nationalhymne, zündet die Lichtlein an

Peg

und geht auseinander. Alles ganz anders als gedacht: sehr ruhig, still fast, konzentriert. Keinerlei Aggression, viel mehr Familienfeststimmung.

Aber wer kennt schon die Menschen? Ganz normale Kneipenwirte werden Selbst- und vor allem Fremdmordattentäter, andere Pegida-Jungfrauen sehen dagegen haßverzerrte Fratzen und noch andere – darf man schon „Volksverhetzer“ sagen? – ziehen die Gleichung zur Mafia! und wollen gleich verbieten …, und wer weiß, vielleicht würde der Opa, der sein GULAG-Schild im Wind kaum halten kann, tatsächlich einen guten Blockwart abgeben?

Wer sind Wir?

Ein kleines Gedankenspiel

Nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo waren „wir“ alle Charlie

Nach den Anschlägen in Paris waren „wir“ alle Paris.

Was, wenn ein Irrer seinen Rucksack an einem Montagabend auf dem Theaterplatz in Dresden zur Detonation brächte?

Wären „wir“ dann alle Pegida?

BegidaBild

Ich bin kein Deutscher!

„Die Deutschen“, schreibt „Die Welt“ soeben in einem Meisterstück an Faktenverdrehung, „vertrauen ihrer Kanzlerin“.

Goodbye, cruel world.

Natürlich muß mal wieder eine Umfrage herhalten, Statistik, und die kann man bekanntlich ein wenig drehen und wenden. Die Frage – wem wurde sie gestellt? – lautete demnach: Kann ein anderer Politiker als A.M. Deutschlands Probleme bewältigen? Und 60% beantworteten die Frage mit „Nein“.

Damit wurde aber keine Zustimmung zur Kanzlerin ermittelt, sondern ein fundamentales, mehrheitliches Mißtrauen unserer gesamten politischen Klasse gegenüber! Aus diesem desaströsen Ergebnis macht „Die Welt“ im Handumdrehen eine Erfolgsmeldung!

Goodbye, stupid „World“

Semantik – Wir schaffen das!

Kein banaler Satz hat in den letzten Jahren so eine Karriere gemacht wie der Kanzlerin „Wir schaffen das!“

Umgekehrt geht mehr und mehr die besorgte Frage um: „Schaffen wir das?“ Um sie beantworten zu können, muß man sich über die Bedeutung des Ausgangssatzes Gedanken machen.

Mir scheint, es sind vor allem zwei Interpretationen möglich. Dabei setze ich voraus, daß das „wir“ allumfassend gemeint ist, also die gesamte deutsche Gesellschaft, die Menschen und die Institutionen, meint.

Zum einen kann der Satz bedeuten: Die (derzeit angenommenen) 1,5 Millionen Menschen aus anderen Ländern, Kultur- und Sprachkreisen hauen unser Land nicht um, organisatorisch kriegen wir das hin: Empfang, Registrierung, Verteilung, Versorgung, Unterbringung …. Selbst wenn sie sich nicht integrieren sollten, so werden sie am Fundament der Bundesrepublik, zumindest in überschaubarer Zeit, nicht rütteln. Sie würden dann – im ungünstigsten Falle – ins Sozialsystem, die Parallelgesellschaften, die „Gettos“ versickern oder aber das Land wieder verlassen. Eine „Brasilianisierung“ (Heinsohn) des Landes wäre dann schon bejahenswert und als Erfolg, als „geschafft“ zu werten.

Zum anderen kann der Satz besagen: Diese Menschen werden in der Mehrzahl integriert, d.h., sie werden die deutsche Sprache erlernen, die gesellschaftlich akzeptierten Werte übernehmen oder zumindest anerkennen oder sich diesen zumindest unterwerfen, sie werden in den Wertschöpfungsprozeß aufgenommen werden, werden Steuern zahlen, wählen gehen, Kultur betreiben und genießen, werden ihren Pflichten nachkommen und ihre Rechte wahrnehmen.

Sollte die Kanzlerin Interpretation eins mit ihrem mehrfach wiederholten Satz gemeint haben, dann könnte sie wohl recht behalten. Selbst die düstersten Prognosen dürften eine Zeitspanne umfassen, die diesen Satz im historischen Gedächtnis – das in der Regel sehr kurz ist – versickern lassen. So gesehen ist der Satz im schlimmsten Falle ein Pleonasmus – denn alles „schafft sich“, gelingt irgendwie, wird zu etwas – und eine leicht dahingesagte taktische Unüberlegtheit.

Meint sie jedoch tatsächlich die zweite Lesart, steckt strategisches Kalkül dahinter, dann sind Zweifel unbedingt angebracht. Der Zeitfaktor, die Langzeitveränderung, wird ausgeblendet. Der Mensch ist seiner biologischen Konstitution nach ein Horizontwesen – wenn er ein Problem unmittelbar „gelöst“ hat, meint er nicht weiter schauen zu müssen. Zahlreiche historische Beispiele weisen auf eine andere Entwicklung hin. Es ist, immer statistisch gesehen, der deutschen Gesellschaft nicht gelungen, eine viel geringere Zahl an sogenannten Gastarbeitern auch über mehrere Generationen umfassend zu integrieren – warum sollte es in ökologisch katastrophalen, ökonomisch zweifelhaften, politisch unruhigen, finanzpolitisch auf einen weiteren Crash hinlaufenden, bündnispolitisch instabilen … Zeiten bei einer viel größeren, soziologisch viel inhomogeneren, religiös und kulturell viel ferneren, mit ganz anderen Ansprüchen kommenden und in sich extrem differenzierten Gruppen in viel kürzerer Zeit gelingen können?

Um es „zu schaffen“, bräuchte man jetzt ca. 20 000 – 100 000 Deutschlehrer, tausende Übersetzer für Arabisch, Urdu, Paschtun, Tigrinya, Farsi …, tausende Traumapsychologen mit entsprechenden Sprachkenntnissen oder sekundierende Übersetzer mit perfekten Kenntnissen, tausende Polizisten, Sozialarbeiter, Bürobeamte, Psychiater, Ärzte … bräuchten wir all jene Berufsstände, die ohnehin seit Jahren unterbesetzt sind und am Limit agieren, bräuchten wir vor allem Millionen hochmotivierte, integrationswillige und integrationsfähige Zuwanderer.

Der Wunsch ist mit Merkels Aussage, der Verstand zweifelt an diesem.

Nur ein Beispiel.: Schule

ISIS reloaded

„Daß das weiche Wasser in Bewegung
Mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt.
Du verstehst, das Harte unterliegt.“

(Bertolt Brecht)

Plötzlich entdecken alle die Terrorgefahr, das globale islamische Kalifat wird diskutiert, die Bereitschaft zu symbolischen Gesten ist enorm und fast 40% wollen den Abgang der Kanzlerin. Haben wir ein Fukushima-Moment? Wird jetzt chaotisch alles umgeworfen? In die Logik dieser Regierung würde es perfekt passen.

Unverständlicher noch ist aber der IS selbst. Daß es früher oder später zu Terror kommen würde, das vorauszusagen, war keine Kunst. Daß es aber so früh passiert, war dann doch überraschend und könnte uns einiges über den IS verraten. Denn eigentlich hatte man doch die Hand schon am Hebel, eigentlich lief alles wie von alleine für die Islamisten. Der Flüchtlingsstrom tat seine unermüdliche Arbeit wie der stete Tropfen auf den Stein. Schon war Europa zerstritten, schon regten sich Proteste, die Zustände vor Ort nahmen katastrophische Ausmaße an, man spricht bereits von mehr als zwei Millionen Flüchtlingen in Deutschland, unter der einheimischen und zugewanderten Bevölkerung gor es, die indirekten Zustimmungswerte unter Teilen der muslimischen Bevölkerung waren ermutigend … bald mußte Europa, mußten vor allem Deutschland und Schweden, wo nur noch der Affekt regierte, massiv destabilisiert sein. Man hätte es nur so weiterlaufen lassen brauchen, vielleicht von hinten noch ein wenig Druck machen, noch mehr Menschen in den Kontinent pumpen, und alles wäre viel einfacher gewesen. Man hätte den schon infiltrierten Kämpfern Zeit lassen können, sich zu organisieren …

Und nun dieser massive Terror – ein großer strategischer Fehler. Denn plötzlich erwachen die Menschen und selbst ein Hollande macht das Putin-Face, geht entschlossen Spaliergänge entlang und hat plötzlich Rasierklingen unter den Achseln. Nun hat der IS den offenen Krieg (den wird man getrost überstehen), nun hat man, wichtiger noch, die unerwünschte geheimdienstliche Aufmerksamkeit, nun hat man aber vor allem einen schlafenden Bären geweckt, schon lange eingelullte Völker, verweichlichte und entidealisierte Menschen sehen plötzlich wieder einen Sinn im Leben, selbst wenn er sich nur in emphatischem Absingen der im Übrigen sehr martialischen und in Deutschland eigentlich völkerverhetzenden, menschenverachtenden und grundgesetzwidrigen Marseillaise ausdrückt. Und am schlimmsten: Auch die muslimischen Kommunen sind nun gefordert: Ob sie wollen oder nicht – es gibt sicherlich beides – sie müssen nun Distanzierungen üben, auch sie wurden aufgeschreckt und erkennen nun den IS als ihren eigenen genuinen Feind.

Alles zusammen dürfte den IS stark schwächen. Aber es zeigt auch, daß es eben keine strategisch weitblickende Organisation ist, sondern entweder ein wilder Haufe mit tausend kleinen Einzelinteressen oder von politisch halbklugen Leuten geführt, und dann kann es eben passieren, daß ein paar Milchbubis mit Kaschis Geschichte machen und vielleicht sogar einen historisch „notwendigen“ Prozeß ungewollt beeinflussen.

 

 

 

 

Terror und Immigration

In der deutschen Presse und Politik wird gerade eine Schlacht geschlagen – allerdings fast nur in eine Richtung – um die Frage: Haben die Terroranschläge in Paris etwas mit Immigration zu tun?

Hier die einfache (und auf kulturelle Differenzierungen verzichtende) Antwort:

Die Terroranschläge in Paris haben unmittelbar nichts mit Immigration zu tun, wenn

1. es sich bei den Attentätern und deren Hintermännern um ethnische Franzosen gehandelt haben sollte …
2. es sich bei den Attentätern und deren Hintermännern um Touristen gehandelt haben sollte und …
3. es sich bei den Attentätern und deren Hintermännern um direkte oder indirekte Nachfahren einer einst eingewanderten ethnischen Minderheit in Frankreich oder Europa gehandelt haben sollte, deren ethnische Kontinuität und religiöse Identität sich mittlerweile aufgelöst hat – vergleichbar den Hugenotten.

Die Terroranschläge in Paris haben mit Immigration zu tun, wenn

1. sich aus der derzeitigen Flüchtlingsbewegung einer oder mehrere Attentäter rekrutiert haben sollten und sie haben auch mit Immigration zu tun,
2. wenn die Attentäter einer ethnischen oder religiösen Gruppe angehören sollten, die vor einer, zwei, drei oder vier … Generationen nach Frankreich immigriert sind und ihre ethnische Kontinuität oder religiöse Identität nicht der französischen eingegliedert haben.

Die Behauptung oder Unterstellung, oder die Behauptung oder Unterstellung einer solchen Behauptung oder Unterstellung, daß die Flüchtlinge Terroristen seien, ist nicht wert, besprochen zu werden.

Der schwarze Schwan

Noch sind die Informationen mit Vorsicht zu genießen, doch scheint es sich zu bestätigen: Mindestens einer der Pariser Attentäter ist als Flüchtling getarnt, mit gefälschtem Paß, über Griechenland nach Europa eingereist. Am 3.10. diesen Jahres. Ein brisantes Datum, denn just am Vortage wurde aus allen Rohren in die Ohren geblasen: keine erhöhte Terrorgefahr gehe von den Flüchtlingen aus. Zumindest habe man keine nachrichtendienstlichen Hinweise darauf. Innenminister de Maizière höchstpersönlich stellte sich mit der Frohen Botschaft vor die Presse.

Gipfelpunkt der Narretei waren dann „argumentative“ Artikel wie dieser, von denen es freilich in verschiedenen Gazetten mehrere Beispiele gab, die in den Wirren des Netzes leider nicht mehr auffindbar sind. Einige davon hatten bis zu einem halben Dutzend verantwortliche Autoren, vermutlich um sich vor der Verantwortung zu drücken, denn daß es sich um eine Lotterie, mehr noch um eine Wette, um ein reines Hoffen handeln mußte, dürfte auch der größten Blockflöte bewußt gewesen sein.

Damit schien ein medialer Dauerbeschuß seinen Höhepunkt erreicht zu haben. Aus einer perversen Konsequenz heraus waren die Aktionen durchaus verständlich, gerade weil sie jedweder Logik entbehrten. Je mehr Menschen unregistriert das Land erreichten, umso größer wurden konsequenterweise Sorge und Angst unter der Bevölkerung und umso umfänglicherer Propagandaaufwand mußte betrieben werden.

Den wahren Irrsinn dieser Argumentationskette zeigen sowohl Geschichte (1) als auch Logik (2) der „Debatte“.

(1) Verfolgt man nämlich das Argument zurück, dann fallen bis in den Hochsommer hinein ganz andere Töne auf. Damals wagte der Innenminister noch, sich vor Terroristen unter den Flüchtlingen zu fürchten, und auch die Journaille schrieb das zu Erwartende: Der IS drängt nach Europa, Europa gar als nächstes Schlachtfeld und dergleichen.

Solche Stimmen der Vernunft verstummten urplötzlich, nachdem die Kanzlerin die totale Einwanderung verkündet hatte, nachdem im apodiktischen, aber emotional verbrämten Ton eine Obergrenze alternativ- und diskussionslos verunmöglicht wurde, nachdem Ungarn als Unrechtsstaat aller aufgestauten Flüchtlinge befreit, nachdem allen Syrern – und damit allen, die sich für solche halten wollten – freies Durchwinken angeboten, nachdem die „Willkommenskultur“ quasi per Dekret zur neuen Leitkultur gekürt und Kritiker aller Couleur über einen Kamm geschoren und rechts in die braune Kloake abgeschüttelt wurden. Da hatten dann plötzlich Salafisten keinen Erfolg mehr unter den Flüchtlingen, da meldeten sich mit einem Male Chargen, Schergen, Ministerien, Publizisten und Blätter unisono mit der Entwarnung: Non abbiate paura – fürchtet euch nicht, es gibt weder Hinweise, noch auf Terroristen, noch unter den Flüchtlingen, noch sonst „irgendwie“.

Und wem das die wohlverdiente Nachtruhe noch nicht bescherte, der durfte in die treuen Augen der Frau Führer schauen und an ihren Lippen hängen: „Wir schaffen das“, „Ich habe einen Plan“, „Ich habe das im Griff“, „Ich bin überzeugt“, „Ich bin bei euch, alle Tage“ und was man noch so aus pseudoreligiösen Zeiten diverser Generalissimi kennt.

Leider, leider gibt es so etwas wie die Realität. Und Logik.

(2) Denn gerade logisch überrascht diese Argumentation … Neben Habermas dürfte es vor allem ein Denker sein, der mit seinem ikonischen Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ das ideologische Fundament der westlichen Demokratien begründete. Es ist – aber das bleibt unter uns – das deutlich schwächere seiner beiden Hauptwerke. In „Logik der Forschung“ entwarf Sir Karl Popper ein tatsächlich machtvolles Instrument, das der Falsifikation. Allereinfachst dargestellt, besagt es, daß man ein Argument nicht durch Verifikation, also Bewahrheitung, letztgültig beweisen könne – aus der Tatsache, tausend weiße Schwäne zu sehen, kann ich nicht schließen, daß alle Schwäne weiß seien, es mithin keine schwarzen (oder grünen) gebe –, sondern durch eine Art negativer Beweisführung, der Falsifikation (Widerlegung) müsse man aktiv nach Gegenbeispielen suchen und nur solange ich kein Gegenbeispiel habe, nur so lange könne meine Prämisse (und auch nur unter Vorbehalt) gelten. Wahr ist sie deswegen noch lange nicht. Und daß es nicht wahr sein mußte, nicht wahr sein konnte, daß es keine potentiellen Terroristen unter den Flüchtlingen gibt – man könnte auch eine Flashmob-Party ins weit geöffnete Haus mit offenem Tresor einladen und vermuten, es gebe keine Diebe darunter –, das, mit Verlaub, hätte jedem Menschen bei Troste zumindest dämmern müssen.

Selbst wenn der Pariser Mörder kein Flüchtling gewesen sein sollte: ich setze bei dieser Wette all mein Vermögen auf den schwarzen Schwan!

Die Botschaft des Terrors

„Terror“ heißt Schreckensbotschaft. Schrecken ist die menschliche psychische Reaktion auf erlebte Grausamkeit. Um sie haben zu können, bedarf es zweier Voraussetzungen: Empathie und Antizipation. Sie garantieren zum einen das Mitempfinden mit dem Leid der anderen, versetzen uns aber auch imaginär in die Lage des anderen. In der Konsequenz stellt man sich sich selbst in vergleichbarer Situation und „zeitnah“ vor. Dieser Schrecken muß dabei nicht unmittelbar erlebt werden – es genügt der glaubhafte Bericht darüber und je graphischer die Botschaft ausfällt, desto mehr versorgt sie uns mit Angst.

Terror ist also nicht primär die Gewalttat – auch wenn der Begriff oft synonym verwandt wird. Um Terror zu verbreiten, genügt es nicht gewaltsam zu sein, man muß die Tat als Botschaft auch weiterleiten können. Die sogenannten „Terroristen“ können sich dabei auf eine kongeniale Arbeitsteilung verlassen: Den eigentlichen Teil der Arbeit überlassen sie den modernen Medien.

Nur in Einzelfällen, etwa den für den westlichen Betrachter unerträglichen Enthauptungen, muß man selbst die Bilder aufnehmen, aber auch dies bliebe wirkungslos, wenn nicht soziale und klassische Medien eilfertig sekundierten. Letztere können ihrer inneren Logik nicht entkommen, sie müssen – bei Gefahr des eigenen Untergangs – die Schreckensbotschaft weiterleiten, sie berufen sich dabei nicht auf die eigentlichen genuin wirtschaftlichen Interessen (Verkaufszahlen, Werbeverträge etc.), sondern schützen Informationspflicht vor oder das Verhindern der Informationskaperung durch andere, moralisch anzweifelbarere Medien: Wenn wir es nicht bringen (im richtigen Kontext), dann bringen es die anderen (und schlagen ideologischen Nutzen daraus). Ein drittes Argument ist der unterstellte Voyeurismus: es gibt also ein Bedürfnis, einen Markt, eine Nachfrage und wir, die Journalisten, bedienen diese nur. Tatsächlich gibt es eine anthropologisch tief verwurzelte Faszination an Leben und Tod in seinen Extremen, an Sex, Gewalt, Schmerz, Blut und Sterben. Wir können – selbstverständlich individuell verschieden – unser Auge nicht davon lassen. Trotzdem zieht das Argument kaum, denn es setzt bereits das voraus, was hier problematisiert werden soll: das Wissen um das Ereignis.

Man kann diesen Gedanken auch umdrehen. Gäbe es die Beihilfe der Medien nicht, dann könnte man mutmaßlich einen großen Teil der Gewalt verhindern, den strategisch verübten zumindest, denn der taktische legitimiert sich am jeweiligen Ort.

Noch anders und prononcierter, provokativer ausgedrückt: Nicht die Täter sind die Terroristen – der Begriff „Verbrecher“ genügt hier vollkommen – die eigentlichen Terroristen sind die Verkünder der Schreckensbotschaft, sind die Journalisten, ganz unabhängig von echter oder zur Schau gestellter Betroffenheitsgeste.

Und sie sind noch nicht einmal kreativ! Oder bietet Paris im November 2015 etwas, was wir nicht schon im Januar oder 2013 in Nairobi oder 2008 in Indien oder 2005 in London, 2004 in Madrid, Bali 2002 … und 2001 bei der Mutter aller Terrorakte gesehen haben? Blaulichtkaskaden, zerschossene Scheiben, Blutflecken auf dem Trottoir, weinende Menschen, Plüschtiere – woher kenne ich die nur? –, ein Paar verlorener Schuhe, Blumenberge, Schildchen mit „R.I.P“ oder hilflosen „Why?“- Aufschriften, Kerzen … das ganze Bilderarsenal. Alles schon hundertmal durchgespielt, vorweggenommen, alles schon vorweggewesene Geschichte – Baudrillard hätte seine Freude dran gehabt. Die kommende Phantasie ist bereits besetzt, wir werden uns daran gewöhnen, wir haben uns schon daran gewöhnt. Eine ewige Wiederkehr des Gleichen, unterbrochen nur durch eine neue Eskalationsstufe der perversen Gewaltphantasie. Osama Bin Ladens größter Fehler war, das Ende an den Anfang gesetzt zu haben, das größtmächtigste, archetypische apokalyptische Bild. Nur neue Verbrechenskategorien werden nun neue Bilder liefern: der fallende Eiffelturm, der Fernsehturm, Biowaffen, die schmutzige Nuklearwaffe, die „saubere“ umso mehr, einstürzende Kraftwerke (durch Tschernobyl und Fukushima schon teilverbraucht), gesprengte Staudämme oder Live-Explosionen in vollen Fußballstadien … wer schaut schon in diese Köpfe hinein? Mit Paris, den sieben Tätern, ganz unterschiedlichen Kulturen auf der Spur, dürfte sich das quantitative Konzept schon verausgabt haben. Wenn sie uns noch in Schrecken versetzen wollen – das ist die akzelerierende Logik der Journalismus-Terrorismus-Symbiose -, dann müssen sie uns mit neuen, noch unvorstellbar schrecklicheren Bildern versorgen. So treiben die wahren Terroristen die Verbrecher vor sich her.

Neuartige Schrecken braucht das Land!

PS: Um diese Logik zu verstehen, müssen die Verbrecher noch nicht einmal Fremdsprachenkenntnisse haben, denn das arabische Wort für Terror – إرهاب (Irhab) – ist ebenfalls jung und bedeutet ziemlich genau das Gleiche: Angst verbreiten.

Hypokrisie – die einfache Lösung

Hunderttausende Flüchtlinge leben unter denkbar ungeeigneten Umständen in Deutschland, in Turnhallen, Containerdörfern, Zeltsiedlungen und dergleichen. Der Winter steht vor der Tür, aus Mazedonien, Slowenien und Österreich, aus Pakistan, Afghanistan oder der Türkei erreichen uns immer neue Bilder von scheinbar unendlichen Menschenschlangen in Bewegung oder im Stau. Wo sollen die alle hin? Es droht eine humanitäre Katastrophe, Menschen werden massenhaft erkranken, Todesfälle werden absehbar, Unruhen nehmen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu.

Dabei ist das Problem ganz einfach zu lösen, ja, es hätte nie dazu kommen dürfen!

Im April waren laut einer Emnid-Umfrage 26% der Deutschen und sogar 33% der Ostdeutschen bereit, einen Flüchtling in ihrem Heim aufzunehmen. Da war sicherlich viel Idealismus im Spiel, die Entwicklung noch nicht absehbar, da war es noch leicht gut zu sein; die täglichen Bilder, vielleicht auch persönliche Erfahrungen, haben das nun relativiert. Eine neue Emnid-Umfrage Ende Oktober zeigt, daß immerhin noch 10% der Menschen dazu bereit wären, Flüchtlinge häuslich aufzunehmen. So etwas wie der harte Kern vermutlich. Und wer kennt sie nicht, die Leute mit den zu großen Häusern mit Alpen- oder Seeblick, mit den freistehenden Wohnungen …, die einen „Kritiker“ dann auch oft noch belehren oder in die böse Ecke stellen.

Zehn Prozent von 81 Millionen macht 8,1 Millionen. Wir könnten also, wenn die Umfragen stimmen, ad hoc acht Millionen Menschen aufnehmen und zwar privat, in unsere Wohnungen und Häuser. Wo sind die Leute?

Es gibt zu viele Menschen in diesem Land die „würden“ oder die Sätze mit „man muß“ beginnen und zu wenig Männer wie diese. Selbst wenn nur die Hälfte, was sage ich, ein Viertel, ein Zehntel aller Würdenden und Manmüsstenden im Ernstfall tatsächlich bereit wäre, dann könnten auf der Stelle alle Erstaufnahmeeinrichtungen geschlossen, alle Probleme – übrigens auch die der Sprache und der Integration – gelöst werden.

Es käme also lediglich darauf an, die zur Flüchtlingsaufnahme bereiten Menschen mit den Flüchtlingen zusammen zu bringen. Das tut man am besten – wenn man nicht auf eine administrative Entscheidung, die ohnehin nie kommen wird, warten will – indem man sich bei der Ausländerbehörde oder in den Erstaufnahmeeinrichtungen oder bei karitativen Verbänden meldet.

Und zwar jetzt!
Ist erprobt – funktioniert perfekt. Der Rest geht von alleine.

Klassischer Widerspruch

Weimarer Impressionen

„Man kann Ideen mit den Augen sehen. Allerdings gehört dazu der Weimarer Blick‘“
(Herbert Fritsche: Der Erstgeborene)

Weimar ist eine Stadt der Monumente, Büsten, Stelen: Goethe, Schiller, Wieland, Herder, Falk, Hummel, Puschkin, Mickiewicz, Liszt … Klassiker, sie alle lebten oder arbeiteten hier. Doch im Norden steht einer, übermannshoch, im eigenen Hain, der ein eher negatives Verhältnis zur Stadt hat und ausdrückt, als Gegner der Weimarer Republik und als Gefangener des nahen Konzentrationslagers Buchenwald:

Thälmann mit Hain

Thälmann mit eigenem Hain

Thälmann in Weimar

Faust in Weimar

Gerne erinnere ich mich an ein Seminar, während der Wendezeit, im Fach „Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“. Dort schafften wir es – drei Theorieinteressierte mit zweimonatigem Lesevorsprung – einer jungen Lehrkraft den Stöpsel zu ziehen. Wie ein zerstochener Wasserball lag die junge Frau auf dem Pult und heulte. Wir hatten gerade ihr Thälmann-Bild und damit ihr Weltbild (und unseres) zerstört. Da stand er, der Kaiser ohne Kleider, all der Legenden entkleidet. Das Proletarierkind, das seine Wurstsemmel dem hungernden Nachbar schenkt, der Held, der eine von Nazis geworfene Handgranate entschärfte, der warmherzige Internationalist, der Hafenarbeiter, der tapfere Kämpfer gegen Unterdrückung und für Frieden … alles ging in Rauch auf. Die Bühne betrat der intellektuell eher minderbemittelte, stalinhörige Machtmensch, der Widerstand mit eiserner Faust – oh, diese Faust! – niederrang, der alle interne Opposition (Fischer, Thalheimer, Brandler …) beseitigte, der schlechte Redner und schwache Denker, der für den Sieg Hitlers Mitverantwortliche (Sozialdemokraten infolge der Sozialfaschismusthese als Hauptfeind), der Befehlsempfänger Moskaus, der den Zentralismus („Partei neuen Typs“) durchsetzte, der damit letztlich der KPD den giftigen Wurm ans Herz legte, an dem sie in der Perestroika endgültig verstarb …
Im innersten Grunde drehte sich alle Diskussion um die Frage: Gibt es antagonistische Widersprüche im Sozialismus? Und Thälmann war ein Symbol.

Noch heute werden antagonistische Widersprüche symbolisch erzeugt und bekämpft. 200 Meter vom realsozialistischen Relikt entfernt, findet man am Eingang des Amtsgerichts diese Plakette:

Schuld und Opfer schließen sich aus?

Schuld und Opfer ein Widerspruch?

Wiedergutmachung? Ausgleich?
Thälmann steht nicht wegen seiner Verdienste und nicht als Klassiker in Weimar und stört die illustre Runde der großen Geister, sondern aus schlechtem Gewissen. Er steht in der logischen Fortsetzung des deutschen Alphabets des Grauens dort: A wie Auschwitz, B wie Buchenwald, C wie Columbia-Haus, D wie Dachau … Er steht als Opfer des Nationalsozialismus, und damit unantastbar, da. Als Mahnung, als Botschaft, als Dauerdrill.

Stimmungen, Verstimmungen

Eine Studentin – Abschlußzeugnis 1,0 – betritt das Büro einer Professorin. Beide haben ein gutes Verhältnis, man mag sich, die Studentin zeichnete sich fünf Jahre lang durch eigenständiges Denken aus. Man möchte auch über Promotionspläne sprechen. Herzlicher Empfang. Die Professorin bittet die Studentin, ein Exposé einzureichen. Die Studentin gesteht, im Moment gerade wenig Muße für Akademisches zu haben – die Flüchtlingskrise mache ihr Sorgen, sie lese viel zum Thema, könne sich nur schwer auf anderes konzentrieren. Die Professorin zeigt Verständnis für die Sorgen um die Demokratie im Land, teile diese auch, verweist auf die Medien, die eine Stimmung der Angst erzeugten. Die Studentin solle, um das zu durchschauen, Luhmann lesen. Die Professorin erwähnt PEGIDA als Beweis. Man erfahre nur von diesen fürchterlichen Aufmärschen, aber nichts von den Gegendemonstrationen. Die Studentin schaut skeptisch – und hier beginnt der Dialog wohl zu entgleisen.

Nun beginnt die Professorin eine Eloge auf Angela Merkel zu halten. Sie sei nie ein Fan dieser Frau gewesen, aber die jetzige Politik begeistere sie hellauf. Das Wort „Humanität“ fällt mehrere Male. Jede/r Schutzbedürftige müsse Schutz in Deutschland beanspruchen dürfen – das sei nicht diskutierbar. Die Studentin gibt die hohe Zahl an Menschen zu bedenken. Die Professorin fragt daraufhin: „Wie viele Einwohner hat Syrien?“ – „22 Millionen“ – „Na bitte!“

Die Studentin verweist auf die Studien Gunnar Heinsohns, in der Hoffnung eine wissenschaftliche Autorität könne das Niveau des Gespräches heben, spricht vom „youth bulge“ und von Demographie. Die Professorin hört den Namen zum ersten Mal, antwortet aber schon in forschem Ton: „Alles Quatsch!“ Die Studentin insistiert, verweist auf die Korrelationen zwischen „youth bulges“, Kriegsindex und Auswanderung. Es gebe auch eine Korrelation zwischen Kaninchen und anderen Tieren, schleudert ihr die Professorin entgegen. Das seien alles Konstruktionen. Die Studentin solle sich besser mit „ihrer eigenen konstruierten Weiblichkeit“ beschäftigen. Das, sagt die Studentin, habe sie schon getan und legt die Grundzüge des Konstruktivismus und der Gendertheorie vor. Aber das helfe alles nichts, wenn man seit einiger Zeit bestimmte Wege in der Stadt nicht mehr gehen könne, ohne von Männern fremder Herkunft angesprochen, belästigt oder gar bedroht zu werden. Gerade wenige Tage zuvor machte die Studentin auf einem Weg von 100 Metern drei Mal diese Erfahrung – seither trägt sie Pfefferspray bei sich. Auch die Professorin gesteht, bereits ähnliche Erfahrungen gemacht zu haben, schlußfolgert dennoch: „Aber wissen wir überhaupt, was diese Männer wollen?“

Die Studentin fragt, ob es nicht generell an mangelndem Respekt dieser Männer gegenüber Frauen liege? Die Professorin, sichtlich genervt, fragt nun: „Was wollen Sie eigentlich von mir?“ Sie sei eigentlich gekommen, um sich zu verabschieden, antwortet die junge Frau, und über das Thema der Promotion zu sprechen, aber nun sei man auf das Flüchtlingsthema gekommen und nun sei sie überrascht, daß ausgerechnet von der hochgeschätzten Professorin alle Argumente als Quatsch oder Konstrukt abgetan werden, was umso erstaunlicher sei, als sie sich auf einen angesehenen akademischen Kollegen (Heinsohn) berufe. Das sei nicht ihr Kollege, ruft die Professorin nun schon sehr erregt. Diese Theorie sei Schwachsinn. Ob die Studentin denn nie bemerkt habe, daß es bis in die 70er Jahre hinein an den Universitäten nur männliche Professoren gegeben habe „und die hätten sich auch nicht die Köpfe eingeschlagen“. Ob dieses wirren Arguments begriff die Studentin und wagte zu sagen: „Aber Sie kennen Heinsohn doch gar nicht!“

Da rief die Professorin: „Verlassen Sie mein Büro! Und tun Sie mir den Gefallen, Ihre Doktorarbeit bei jemand anderem zu schreiben!“

Verdutzt schaute die Studentin die geschätzte Professorin an. Sie überlegte kurz, ob sie dennoch das mitgebrachte Geschenk überreichen solle. Stattdessen aber sprach sie: „Das ist in Ordnung so. Ich möchte mich nicht zu den Leuten zählen, die anderen einfach nach dem Mund reden“, und verließ das Zimmer.

So geschehen an einer deutschen Universität am 27.10.2015

Was für ein Tag!

Gehe etwas früher zu den Syrern – brauche die Revanche im Schach. Dann Khalid mit den schwarzen Steinen mächtig zusammengeschoben. Im Zimmer nebenan betet einer: niemand scheint es zu bemerken. Wir reden über Politik. Wahl in der Türkei: „We don’t know much about Turkey. – But it’s your neighbour!“ Erdogan ist nur ein Name ohne Füllung. Gleich Trennung von Kirche und Staat erläutert – „Verstanden?“; die Lippen sagen ja, die Augen sagen nein. Erkläre, anhand mißlungener Integration zahlreicher Gastarbeiter, warum Deutsche Probleme mit der Vorstellung vieler neuer fremder Menschen haben können. Wird sofort verstanden. Die Zahl von drei Millionen Türken löst Ungläubigkeit aus. Auch das Thema Umgang mit Frauen kommt zur Sprache. Es ist ein Problem, auch für diese jungen Männer, ohne Frauen zu sein. Keine Ahnung, was Mohammed zu solider Handarbeit sagt. Diese drei sind kultiviert und gebildet, aber Marokkaner und Tunesier, so wiederholen sie, „bad people, very bad people“ In der Stadt gab es zwei in der Presse angezeigte Vergewaltigungsfälle, einer von einem Marokkaner begangen, das war der Ausgangspunkt.

Nach dem Unterricht gleich zur neuen Erstaufnahmestelle, die gerade eröffnet wurde. Mehrere hundert Leute werden erwartet, niemand weiß wer, wann, wie viele. Wurde gestern angerufen, ob ich einen Eritreer kenne, der passabel Deutsch spreche. Wir einigen uns auf Yacob (fast alle Eritreer tragen biblische oder koranische Namen). Hussein, der mir während der Deutschlektion fast schon verliebt an den Lippen hängt, kommt mit und will als Übersetzer helfen. Polizei und Sicherheitskräfte am Eingang der falliten Fabrik. Diskussionen, um überhaupt hinein zu kommen. Ich frage einen security-Mitarbeiter auf Deutsch, wo man sich hinwenden könne – er nix verstehen. Ich frage auf Englisch, er nix verstehen, erklärt mir aber in selbiger Sprache, daß er Ungar sei und nur Ungarisch angesprochen werden möchte. Simpaticone, wie die Italiener sagen. Treffen Yacob – keine Eritreer unter den 300 Menschen dabei – sechs Busse voll, meist Familien. Vor der Tür eine Gruppe Männer laut und hektisch diskutierend. Ich lasse Hussein fragen, was los sei. „Wie weit ist es bis Stuttgart? – 400 km – So weit? Nein, Lauchhammer – Hm, 200 km, warum?“ Gesten, fliegende Arme, Geschrei. Sein Sohn sei in Lauchhammer, schreit einer, fünf Jahre alt. Ich beruhige – man wird das irgendwie lösen.

Drinnen problemlose Anbindung. Eine junge Frau in DRK-Uniform spricht in ihr walky-talky. Ich bekomme einen Sticker an die Brust und einen Zettel in die Hand, darauf eine Nummer. Eine Familie von vier wird uns zugeteilt: Syrer, zwei kleine Kinder, kein Englisch. Auftrag: Betreuung bis zur Registrierung, dann zur Unterbringung führen. Wir – Hussein und ich – stellen uns in die lange Schlange, lassen die Familie sich setzen. Stehen zweieinhalb Stunden. Fragen den Mann vor uns. Der will gar nicht nach Deutschland, sondern nach Schweden, zu Bruder und Schwester. Heute Morgen noch Slowenien, dann Bus direkt hierher. Slowenien schlecht, Deutschland gut. Sprechen über Syrien, über Husseins Familie, über ISIS und den Islam, schließlich über den Koran. Er singt mir die Fatiha mit Inbrunst vor, inmitten der Menge. Bietet mir Koranstunden an. Ich frage ihn, ob er auch Bibelstunden haben möchte, aber er kann mit dem Wort „bible“ nichts anfangen. „The holy book of christianity – would you read it?“ Mohammed sei der letzte Prophet, antwortet er, alles andere sei verkehrt – ein moderner junger Student aus Idlib sagt das. Nehme mir vor, die Jungs beim nächsten Gang mit dem Neuen Testament auf Arabisch zu konfrontieren. Welchen Glauben ich habe, will er wissen. „The worst of all“, antworte ich. „Ich bin Kafir“ – er lacht. Nein, du bist Mensch, like me. Umarmt mich. Muß alle-Menschen-sind-Brüder-Euphorie tapfer niederkämpfen. „I’m an atheist“ – Begriff unbekannt, Handy-Translator muß ran. Wir sind noch immer Brüder. Weiter: ISIS behauptet, sie seien Muslime und er behaupte das auch – einer lügt. Dann zeigt er mir ein Video – alles inmitten vieler Menschen – welches beweisen soll, daß Mohammed selbst den Vorgang der menschlichen Zeugung mit Spermium und Eizelle usw. gewußt habe – Sure 23. Auch die Linie im Mond – welche Linie? Wird man wohl mal nachschlagen müssen.

Wir sind endlich dran. Die Familie wird einzeln photographiert, Daten aufgenommen – keine Ausweise, wurden in Syrien schon gestohlen, erklärt er mit einem verräterischen Lächeln –, bekommen Hygieneartikel, einen nagelneuen Schlafsack, Decken, einen Eßbeutel. Es ist 23 Uhr, wir stehen seit fast drei Stunden. Die Kinder nörgeln. Zwei Etagen hoch im ausgedienten Fabrikgebäude – einst ein Vorzeigebetrieb, letztes Jahr pleite, hunderte Leute verlieren ihren Job. Jetzt ist der Maschinensaal mit Preßplatten abgeteilt, darin Feldbetten. Ein Abteil für „meine“ Familie. Gegenüber laufen Gebete vom Handy, andere schlafen schon, Kinder rennen durch den Gang. Vier Menschen haben eine Bleibe für die Nacht und wohl für ein paar Wochen gefunden, sind für den Moment glücklich, aber erschöpft, bedanken sich, Hände zum Herz. In diesem Moment durchströmt mich ein starkes Glücksgefühl. Die Droge Glück.

Hussein bringe ich noch zum Nachtbus. Will ihn um diese Zeit nicht alleine durch die dunklen Vororte gehen wissen. Auch er voller Dankbarkeit. Ich soll ihn besuchen. Ich sei wie ein Vater zu ihm und er wolle mein Sohn sein. Lehne dankbar ab – let’s be friends.

Nachtrag: Heute Radiomeldung – zwei Drittel haben die Erstaufnahme unabgemeldet verlassen (also 200 von 300 Menschen), niemand weiß wohin.