Differenzen – Syrer

Es kommen immer mehr Sprachbedürftige in unsere Kurse. Diese Woche lernte ich zwei Syrer kennen und da ich gerne Arabisch lernen möchte, der eine sich als Arabischlehrer vorstellte, war die Einigkeit schnell da: eine Stunde Deutsch, eine Stunde Arabisch.

Als ich in die Wohnung eintrat, schauten mich zehn Augenpaare aus dunklen, bärtigen Gesichtern an. Salem aleikum! Letztlich blieben acht Männer sitzen, von denen zwei weitere während unseres Gespräches gingen. Bleiben sechs und die wollen nun alle mit mir Deutsch lernen. Überraschungen – das hat bereits die Erfahrung mit den Eritreern gezeigt – gibt es immer wieder.

Die Männer sind zwischen 20 und 45 Jahren alt, sehen meist älter aus, alle Muslime, alle aus oder mit kinderreichen Familien, zwei Studenten (Arabisch, Civil Engineering), zwei Autohändler, ein Krankenpfleger, ein „Kuhhändler“. Die älteren haben drei oder mehr Kinder, wollen sämtlich den Familiennachzug. Bis auf einen sprechen sie etwas Englisch. Erstaunlicherweise können vier von sechs schon die Grundlagen in Deutsch (Hilfsverben, Modalverben, Begrüßung u.ä.), sie sind also schon weiter als die Eritreer, die z.T. bereits 18 Monate in D weilen. Immer wieder wird mir beteuert, wie wichtig es ihnen sei, zu lernen und zu arbeiten, auch daß sie anders als andere, fleißiger als Afghanen oder Iraker seien. Am liebsten würden sie sofort beginnen. Meine Anforderungen sind – wie an anderer Stelle erwähnt – sehr hoch: Ich erwarte Konzentration, Erledigung der Hausaufgaben, Einhalten der Termine. Das fiel auf sehr fruchtbaren Boden, sie waren regelrecht froh darüber, endlich ernsthaft gefordert zu sein. „We need a man like you.“

Ich ließ mir die politische Situation in Syrien erklären und fragte nach Lösungen: There is none. Dann erklärte ich die Lage Deutschlands, die Probleme, vor denen das Land aufgrund der Flüchtlingskrise steht. Pegida wollten sie ganz genau erklärt haben. Der Unterschied zwischen Islam und Islamisierung schien eine Art Erleuchtung zu sein. Auch dafür Verständnis. Ich bat sie, in der Öffentlichkeit mit ihrem Glauben defensiv umzugehen, zumal sie in einem sozialen Problemviertel der Stadt untergebracht sind. Ähnlich wie schon bei den Eritreern schien ihnen der Gedanke, daß man auch nicht an einen Gott glauben könne, neu und fremd zu sein. Gekicher und Erstaunen, danach längere Diskussion auf Arabisch, weil einem der Männer die Vorstellung offenbar nicht faßbar war. Danach aber: „No problem“. Nicht das Christentum, also der andere Glaube, könnte ein Thema werden, sondern der Nichtglaube. Ich werde dem weiter nachgehen, will mich aber erst einfühlen. Während die Eritreer bei aller äußerlichen Freundlichkeit auch nach acht Wochen noch immer ein Enigma bleiben, hat man bei den Syrern schon nach zwei Stunden das Gefühl, mögliche Freunde gefunden zu haben. Nachdem ich mich verabschiedet hatte, nahm einer der Männer mir mein Fahrrad aus der Hand und trug es die Treppen hinunter. Für mich befremdlich, eine Art Unterwürfigkeit, für ihn eine Form des Respekts, wie er erklärte, und ein Zeichen, daß man mich möge.