Didaktik – Deutsch für Ausländer

Seit sechs Wochen unterrichte ich zwei verschiedenen Gruppen (ca. 12 und 5) eritreeischer Flüchtlinge die deutsche Sprache. Zeit für ein erstes vorsichtiges Fazit, Zeit vielleicht auch, um ein paar Hinweise zu geben.

 
Daß es Eritreer sind, ist reiner Zufall. Ich meldete mich bei einer kirchlichen Organisation, die Sprachkurse anbietet. Dort wußte man selber nicht, wer kommen würde. Im vorherigen Kurs, so wurde mit berichtet, saßen ca. 20 Syrer. Die meisten von ihnen, so sagte man mir, hätten in diesem 12-wöchigen Kurs das Alphabet gelernt, einige seien aber auch, Originalton: „zu alt gewesen, um noch etwas lernen zu können“. So viel zum Thema Herzchirurgen und IT-Manager aus dem oft gelobten syrischen Schulsystem. (allerdings wurde diese Aussage just heute relativiert, dazu später).

 
Die Eritreer, insgesamt ca. 20 Männer und zwei Frauen (in zwei Gruppen aufgeteilt, für zwei Lehrer), scheinen sehr dankbare, stille, bescheidene Menschen zu sein (ganz anders als Somalier z.B.). Ich unterrichte sie sowohl in einem kirchlichen Gebäude als auch bei ihnen zu Hause.

 
Bewährt hat sich von Beginn an, streng und entschieden zu sein. Bevor ich überhaupt zu unterrichten begonnen habe, machte ich deutlich, daß ich volle Konzentration im Unterricht erwarte, fleißige Arbeit zu Hause und pünktliches Erscheinen zu den Terminen. Sollte das nicht möglich sein, so machte ich klar, werde ich den Unterricht sofort beenden und mir Menschen suchen, die wirklich lernen wollen. Obwohl die meisten schon über ein Jahr in Deutschland weilen, auch Kurse besucht wurden, ist das Niveau sehr schwach, sind praktisch keine Kenntnisse da, von zwei, drei Leuten abgesehen. Sicher, von Tigrinya zu Deutsch, das ist ein riesiger Schritt und selbst die Aussprache schafft hohe Hürden. So fällt es ihnen noch immer schwer, den langen Vokal „i“ am Wortanfang („ihr“) auch nur auszusprechen.

 
Mein Eindruck: diese Menschen sind vergleichsweise haltlos, haben kaum eine Alltagsstruktur, langweilen sich seit Monaten und Jahren und sind für eine Strukturierung sehr dankbar. Außerdem haben einige der Männer militärische Erfahrung, sind den festen Ton also gewöhnt. Eigeninitiative zeigen bisher nur wenige – gibt man ihnen keine Aufgaben wird auch nichts gemacht. Andererseits haben alle mindestens sieben Jahre lang eine Schule besucht, sind das Lernen also gewöhnt. Tempovorstellungen und Rhythmen freilich unterscheiden sich deutlich von meinen.

 
Jede Stunde beginne ich auf Englisch mit einem Überblick über die politische Lage. Da wir im Ort eine der größten Demonstrationen gegen die Flüchtlingspolitik haben (http://www.wirsinddeutschland-plauen.de), erleben sie die Spannungen sehr direkt. Immer wieder ermahne ich sie, die Chance in Deutschland zu nutzen und der erste Schritt sei das zügige Erlernen der Sprache. Nur so bestünde eine Möglichkeit, irgendwann in diesem Lande anzukommen. Sie hören sehr aufmerksam zu, der Motivationseffekt ist deutlich spürbar. Ich empfehle allen Lehrenden, der Ernsthaftigkeit der Situation angemessen, mit zurückhaltender Freundlichkeit, Offenheit und Autorität aufzutreten – scheindemokratisches „wollt ihr dies oder das“, vor überflüssige Alternativen stellen etc., führt nur zu Chaos, Desorientierung, Desinteresse und Unkonzentriertheit. Die Erfolge sind bereits sichtbar, schon nach sechs Wochen spürt man das wachsende sprachliche Selbstvertrauen. Mein Ziel ist es, diese Gruppe in einem Jahr zu befähigen, sich selbständig in Deutschland zu orientieren. Sie wissen, daß ihnen nicht viel Zeit bleibt, sie wissen, daß täglich Tausende ins Land strömen und sie wissen, daß die Ressourcen knapp sind.

 
Heute nun kamen zwei syrische Männer hinzu, beide mit recht guten Englischkenntnissen. Auch diesen werde ich nun gesondert Deutschstunden geben, allerdings im Austausch Arabisch bekommen. Einer der beiden Männer hat, wie er sagt, Lehramt Arabisch studiert, der andere beschrieb sich als Geschäftsmann. Sein lauter Klingelton war ein schrilles „Allahu Akbar“ – woraufhin ich ihm empfahl, dies zu ändern, um eventuelle Probleme in der Öffentlichkeit zu vermeiden. Auch das wurde sehr dankbar entgegen genommen und sofort umgesetzt.

 
Beispiel meiner heutigen Stunde:
1. Hausaufgaben einsammeln (ich gebe sehr viel HA, um die Vorgabe, jeden Tag wenigstens eine Stunde Deutsch zu üben, durchzusetzen)
2. „My little speech“ – in Englisch, damit alle verstehen. Heute: zur sonntäglichen Demo, zu Pegida, zu den Gesetzesänderungen, zu den Plänen in der Stadt eine weitere Erstaufnahmeeinrichtung für vorerst 300, mittelfristig 600 und langfristig gemunkelte und schnell dementierte 3000 Asylbewerber einzurichten; Gesundheitstipps, um sich vor Erkältungen und Grippe zu schützen; kommende Zeitumstellung
3. Konjugieren der Hilfs- und Modalverben, jeder einzeln alle Verben (muß jetzt fehlerfrei sitzen)
4. Die Sinnesverben plus „denken“ und „glauben“ – verstehen und konjugieren
5. Obst und Gemüse – anschauen, Name lernen, Gebrauch und eventuelle Gefahren (roh, gekocht, mit oder ohne Schale, Kerne, mögliche landwirtschaftliche Chemikalien etc.) Erstaunlich: sehr vieles ist ihnen unbekannt, selbst Granatapfel und Feigen
6. Ausgabe der Hausaufgaben – darin ausführliche Wiederholungsübungen plus Erlernen von 12 wichtigen Sätzen wie „Entschuldigung, können Sie mir bitte helfen“, also um Hilfe bitten, Ansprechen, Richtung erfragen, Bitten und Fragen formulieren etc.

 
Feedback: 12-faches und sehr herzliches „Dankeschön“. Was will man mehr?

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