Zukunft – Knickt Schweden ein?

In den großen deutschen Medien noch nicht mitteilungswürdig, in der skandinavischen Presse dagegen die Topmeldung: Das Land mit 9,6 Mio Einwohnern – vor 20 Jahren waren es noch 800 000 weniger, die Geburtenrate stieg von 1,5 im Jahre 2000 auf fast 2 im Jahre 2015 – schultert anteilig die größte Last in der Flüchtlingskrise. In diesem Jahr werden nahezu 190 000 Flüchtlinge dazu kommen (doppelt so viel wie angenommen), fast jeder Tag stellt einen neuen Einzelrekord auf, letzten Dienstag wurden allein 1792 Personen registriert. Schulen, Turnhallen, Campingplätze, Jugendherbergen, Hotels, Kasernen sogar ausgediente Gefängnisgebäude und Kriegsschiffe müssen als Notunterkünfte herhalten. Die Kosten explodieren, ein neuer Haushalt muß her, mehr als 29 Milliarden Kronen werden zusätzlich allein im nächsten Jahr von Nöten sein, rechnet man die Integrationskosten hinzu, werden 60 Milliarden Kronen fällig, 15 Milliarden mehr als der gesamte Verteidigungshaushalt. Kredite müssen aufgenommen, Sparmaßnahmen getroffen werden. Erste Prognosen sehen voraus, daß Schweden in 10 – 15 Jahren ein Land sein wird, in dem die Mehrheit der Einwohner Migrationshintergund aufweisen wird. Derweil steigen die inneren Spannungen – eine Serie von Brandanschlägen auf Asylunterkünfte erschüttert das Land. Gegner und Befürworter der Asylpolitik stehen sich zunehmend unversöhnlich gegenüber. Schon zu Beginn des Jahres äußerten muslimische Verbände, daß sie Verhältnisse wie im Deutschland der 30er Jahre fürchteten.

 
Nun scheint der schwedische Ministerpräsident (Sozialdemokratische Arbeiterpartei), bislang ein stoischer Befürworter der alternativlosen Einwanderung, seine innere Ruhe verloren zu haben. Er appellierte an die europäischen Partner, daß Schweden die Last nicht alleine tragen könne. „Jetzt wird es ernst“. Der Ruf nach Schließung der Grenze wird lauter, mindestens aber Kontrollen müssten her. Beides wird nun öffentlich diskutiert, beides wäre ein Tabubruch in der schwedischen Politik.

 
Im Nachbarland Dänemark sieht man es mit Besorgnis. Während die einen meinen, nun sei das kleine Land gefragt und müsse Schweden entlasten, kommentieren andere zynisch: „Wie man sich bettet, so liegt man“ oder „Nun beginnen die Äste unter Schweden zu brechen, das unter viel Tamtam so hoch wie möglich auf den Baum der Moral klettern wollte, um auf seine moralisch zweifelhaften Nachbarn hernieder zu schauen.“

 
Quellen:
http://www.svd.se/just-nu-170-000-asylsokande-2016/om/flyktingkrisen-i-europa
http://www.dn.se/nyheter/sverige/regeringen-behover-lana-for-att-klara-flyktingkrisen/
http://www.gp.se/nyheter/sverige/1.2871828-flyktingprognosen-mer-an-fordubblad
http://politiken.dk/udland/ECE2895539/sverige-i-flammer-fem-brande-paa-asylhjem-paa-10-dage/
http://politiken.dk/debat/profiler/hansdavidsen/ECE2895073/luk-graensen-sverige/
http://www.b.dk/globalt/svenskere-forhandler-om-graensekontrol
http://www.jyllands-posten.dk/protected/premium/international/ECE8142872/Medier-Sverige-har-kurs-mod-stramninger-p%C3%A5-asylomr%C3%A5det/
http://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/Schweden-diskutiert-ueber-Grenzkontrollen,rgsh123.html

Artenschutz für den „Asylanten“!

Eine Zensur findet nicht statt §5 GG

Am Dienstag, dem 13.10.2015, erschien dieser Artikel in der „Freien Presse“

FP 13.10.15 Asylanten

Daraufhin schrieb ich einen Leserbrief folgenden Inhalts:

Artenschutz für den Asylanten!

Eine Politikerin meint, das Wort „Asylant“ sei nicht statthaft, da politisch nicht korrekt. Die Leiterin der Agentur für Arbeit entschuldigt sich daraufhin erschrocken für den Gebrauch des „Unwortes“. Schuld soll der Suffix „-ant“ sein, der, so wird ein Sprachwissenschaftler aus der Süddeutschen Zeitung zitiert, den „Asylanten“ als „Killwort“ (sic! – was ist das für eine Sprache?) kennzeichne, dem Wort also eine negative Bedeutung verleihe.

Nun ist die deutsche Sprache in den letzten Jahrzehnten und Jahren durch eine unüberlegte Rechtschreibreform, durch Jugend- und Straßensprache, durch Neologismen und Anglizismen, durch „gendergerechte Sprache“ usw. in ihrer Ausdrucksfähigkeit enorm beschnitten worden, denn alle Änderungen zielten auf Differenzierungsverlust. Einen Hegel oder Kant, einen Goethe oder Hölderlin, fein ziselierende Sprachakrobaten, kann es schon deswegen nicht mehr geben, weil das Hochpräzisionsinstrument Deutsche Sprache verdumpft und verstumpft wurde.

Und dazu scheut man auch Desinformation und Diffamierung nicht, wie in obigem Fall. Die Nachsilbe „-ant“ im substantivischen Gebrauch bedeutet nämlich – vollkommen wertungsfrei! –: eine Person oder eine Sache, die etwas tut. Freilich kann man, wenn man Wörter wie „Ignorant“, „Querulant“ und „Denunziant“ aneinander reiht, den Eindruck erwecken, als würden Wörter mit „-ant“ eine negative Konnotation besitzen. Aber man kann mit dieser „Methode“ auch das Gegenteil beweisen. Wie wäre es z.B. mit „Lieferant“, „Fabrikant“, „Gratulant“, „Komödiant“, „Musikant“ „Diamant“, „Laborant“, „Kombattant“, „Kommandant“, „Proviant“ „Hospitant“ oder sogar „Demonstrant“ – alles negativ? Im Gegenteil, wer sich die Mühe macht, die Gesamtzahl der in Frage kommenden Substantive durchzuzählen, der wird ein enormes Übergewicht an positiven oder neutralen Bedeutungen feststellen.

Das sich dahinter verbergende Problem ist dies: Menschen machen ihre Unwissenheit und Ignoranz zum Maßstab von Bewertungen. Nun, das begegnet uns tagtäglich. Unakzeptabel aber wird es, wenn diese Menschen Politiker und/oder öffentliche Personen sind, und unerträglich, wenn sie den Menschen vorschreiben wollen, wie sie zu sprechen haben, also eine Moral daraus ziehen, und skandalös wird es gar, wenn Journalisten, die eigentlich sprachmächtig sein sollten, diese Torheiten auch noch verbreiten!

Und: Der Begriff „Asylant“ ist aus der inneren Logik der Sprache heraus vollkommen neutral und sollte – wie so viele Wörter – unter Artenschutz gestellt werden. Seine Benutzung sagt über die Einstellung des Sprechers – wie im Artikel unterstellt – nicht das Geringste aus, seine Untersagung dagegen sehr viel!

Am Tag darauf bat mich der verantwortliche Journalist, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Es entspann sich ein sehr aufschlußreiches halbstündiges Gespräch über die „Pressefreiheit“ – ein schwieriges Thema, wie mir versichert wurde, denn auch im Haus „munkelt“ und „raunt“ man viel, könne man nicht immer alles offen aussprechen, gebe es verschiedene Grundpositionen. In der Sache wurde mir recht gegeben. Leider werde der Brief – gegen seinen ausdrücklichen Willen – stark gekürzt erscheinen. Und so sieht er aus (15.10.2015)

Leserbrief FP Asyl

Von Zensur zu sprechen, wäre falsch und wohl auch größenwahnsinnig. Die Redaktion behält sich bei Leserbriefen immer das Recht auf Kürzung vor.

Trotzdem ist die „Verschlimmbesserung“ nicht ohne Bedeutung – dahinter verbirgt sich ein ebenso wichtiges Problem. Noch nie ist es mir nämlich gelungen, in der Lokalpresse einen Artikel zu veröffentlichen, in dem nicht unabgesprochen herumgestrichen, gekürzt, umgestellt wurde und noch nie waren diese Eingriffe zum Vorteil des Beitrages. Einige Artikel – Würdigungen Sloterdijks und Heideggers etwa – wurden glattweg abgelehnt, alle anderen Beiträge – komplette und auch abgesprochene Sachartikel ebenso wie Leserbriefe, ja sogar Interviews und Besprechungen meiner Bücher durch festangestellte Journalisten – wurden ohne vorherige Absprache verändert und gekürzt. Das Argument jeweils: „Das verstehen unsere Leser nicht“, „Das trifft nicht unsere Zielgruppe“, „Die Leute lesen keine komplexeren Artikel“ , „Das ist zu hoch“ u. ä.
Wegen zu hoher Qualität abgelehnt zu werden, verwundert denn doch. Es sagt viel über das Bild aus, das sich (diese) Journalisten von ihrer Klientel machen. Und selbst wenn das stimmte, wäre es nicht Aufgabe der Medien, zu versuchen, das Niveau der Leser zu erhöhen anstatt sich dem vermeintlich niedrigen sprachlichen und kulturellen Niveau der Leserschaft anzupassen?
Anpassung nach unten, in die Mitte hinein – das ist die Crux unserer modernen Gesellschaft. Sich strecken, sich aufrichten, streben, „Vertikalspannung“ (Sloterdijk) erzeugen statt sich bücken, täte Not.