„Polizisten sind Dummschwätzer“

Derart läßt sich Andre Schulz vom LKA Hamburg in der „Welt“ vom 18.10.2015 vernehmen. Man könne auch „1500 Franken und 1500 Oberbayern, also zwei fremde Kulturen, in einen leer stehenden Baumarkt quetschen und diese über Wochen zum Nichtstun verdammen“, das würde dort ebenso zu „Spannungen und Handgreiflichkeiten“ führen. Und wenn 80 Mädchen und Frauen mit 2500 „meist jungen Männern auf engstem Raum zusammengepfercht werden“, dann sollten sexuelle Übergriffe nicht überraschen.
Recht hat der Mann, auch wenn mir die Kulturferne der Franken von den Oberbayern (oder umgekehrt) bislang nicht bekannt war – eint sie nicht das heilige Band aus Weißwurst, Bier und Blasmusik? Und auch wenn die Konflikte nicht die gleichen wären – vielleicht wären die Franken/Oberbayern sogar die Problematischeren? Vielleicht sind die verwöhnten, von kleinauf vollkommen durchsexualisierten und durchpornographisierten, auf unmittelbare Triebbefriedigung konditionierten, fast alles als Ware und Objekt wahrnehmenden Franken und Oberbayern die potentiell hemmungsloseren Übergriffler?
Aber soziologisch und sozialpsychologisch ist an Schulz‘ Argument nichts auszusetzen. Überall, wo soziale und soziologisch relevante Ungleichgewichte entstehen, entstehen in der Regel auch Konflikte, die sich – insbesondere unter Männern und jungen Männern dazu (verantwortlich für mehr als 80% aller Gewaltverbrechen) – gewaltsam ausdrücken können. Das ist die Prämisse.
Wenn diese stimmt, dann darf man – als erste Konklusion – aber auch nicht die Augen davor verschließen, daß über eine Million (in Zahlen: >1 000 000) unbeweibter junger Männer pro Jahr (bei Annahme 1,5 Mio.) ein soziologisch bedenkliches Ungleichgewicht darstellen und daß aus dieser Menge mit einer gewissen statistischen Wahrscheinlichkeit heraus, die höher als das Mittel sein dürfte, Rechtsbrüche sexueller und nichtsexueller Gewalt zu prophezeien sind. Dabei kann man von Religion, Ethnie, Kulturkreis, Sprache und dergleichen abstrahieren, auch wenn diese Sekundärgrößen einen Sekundäreffekt auf die jeweilige Wahrscheinlichkeit haben dürften.
Um es anders zu sagen: mit dem, was Schulz sagt, sagt er genau das, was er eigentlich nicht sagen will.
Als zweite Konklusion (eine Variante des Paradoxons von Epimenindes) darf dann Schulz‘ Schlußwort gelten: „Dummschwätzer gibt es derzeit genug“.
Quelle: http://www.welt.de/debatte/kommentare/article147739641/Auch-Polizisten-sind-Dummschwaetzer-und-Brandstifter.html
Vgl. http://www.welt.de/print/wams/wissen/article147173718/Der-Mythos-vom-boesen-Testosteron.html