Unverhofft – Der friedliche Islam

Weimarer Impressionen I

Kurz vor der Rückfahrt fiel uns ein islamischer Infostand, der eine Liebesbotschaft verkündete, auf. Nichts wie hin! Wir wurden von einem sehr kultivierten Herrn angesprochen, dem man die indische Herkunft schon auf den ersten Blick ansah. Das Gespräch – es sollte eine intensive halbe Stunde werden – drehte sich sofort um die Zentralfragen dieser Religion: Scharia, Friedfertigkeit, Rolle des Propheten, Eroberungs- oder Verkündungsreligion, Trinität vs. sich-selbst-immunisierender Monotheismus usw. Herr Malik (Bild rechts), seit 20 Jahren in Erfurt lebend, vertritt die islamische Reformgemeinde Ahmadiyya Muslim Jamaat. Ihr Gründer Mirza Ghulam Ahmad verstand sich selbst als der Mahdi, als der von Mohammed angekündigte zweite Prophet, eine quasi-apokalyptische Gestalt, die die Endzeit/Offenbarungszeit einleite. Auch wenn er damit Anfangs in den bürgerlichen Schichten Erfolge feiern konnte, so dürfte er den meisten Muslimen als Ketzer, als Ungläubiger als kafir gelten. Die Gemeinde ist nichtsdestotrotz weltweit präsent und hat im pakistanisch-indischen Raum auch bedeutende Persönlichkeiten als Anhänger vorzuweisen. Wie auch immer: die Ahmadiyya sind ein lebender Beweis für die religiöse und ethnische Vielfalt des Islam – den Islam gibt es eben nicht.

Ahmadiyya

©seidwalk Die Ahmadiyya – Leben für alle. Haß für keinen.

Einig wurden wir uns dennoch nicht. Herr Malik versuchte nämlich, die historisch nicht wegzudiskutierenden Grausamkeiten der islamischen Bewegung vom mohammedanischen Beginn an, zu relativieren, und zwar mit dem Selbstverteidigungsargument. Daß Mohammed in seiner späten Phase auch ein Angriffskrieger war, wurde nicht recht akzeptiert. Auch mein Argument, daß sowohl die christliche als auch die buddhistische Lehre – und in letzterem Falle auch die Praxis – bei Angriffen das Ertragen und Überwinden des Gegners durch Sanftmut predigten, stieß auf kein Verständnis. Hamed Abdel-Samads Position erregte bei ihm nur Mitleid, obgleich beide Ansätze doch – wie ich betonte – zusammenarbeiten sollten, denn zumindest den gemeinsamen Gegner (den den gesamten Islam diskreditierenden Fundamentalismus und Extremismus) hat man doch.
Aber wir haben zumindest miteinander gesprochen, und zwar ruhig, kultiviert und argumentativ. Niemand wollte den anderen belehren oder überwinden. Niemand mußte sich verteidigen oder rechtfertigen. Diese erfreuliche Begegnung hat gezeigt, daß man auch bei gegenteiligen Positionen in Wesensfragen friedlich koexistieren, die Meinung des anderen einfach gelten lassen kann! Herrn Maliks aufopferungsreiche Arbeit – das Interesse der Weimarer Bürger hielt sich in Grenzen, das der Polizei hingegen war groß – ist aller Achtung wert und sollte unbedingt unterstützt werden.
Zum Abschluss schenkte er mir noch ein Buch von Mirza Ghulam Ahmad: „Die Philosophie der Lehren des Islam“, das ich zu gegebener Zeit an dieser Stelle vorstellen werde.
https://de.wikipedia.org/wiki/Ahmadiyya
http://www.ahmadiyya.de/home

Abbruch – Gombrowicz

„Ich lag in der Sonne, listig verborgen in der Gebirgskette, die von dem Sand gebildet wird, den der Wind am Rand des Strandes aufweht … Irgendwelche Käfer – ich weiß nicht, wie ich sie nennen soll – durcheilten diese Wüste eifrig mit unbekanntem Ziel. Und einer von ihnen, in der Reichweite meiner Hand, lag auf dem Rücken. Der Wind hatte ihn umgeworfen. Die Sonne knallte ihm auf den Bauch, bestimmt äußerst unangenehm für ihn, wenn man bedenkt, daß dieser Bauch es gewöhnt war, immer im Schatten zu sein – lag da und ruderte mit den Beinchen, und es war klar, daß ihm nichts blieb, als so monoton und verzweifelt mit den Beinchen zu rudern – und nach all den Stunden, die er da liegen mochte, ermattete er schon, lag im Sterben.

Ich der Riese, der ich durch meine ungeheure Größe unzugänglich, gar nicht vorhanden für ihn war – ich sah mir dieses Gewedel mit an … und befreite ihn aus seiner qualvollen Lage. Da zog er weiter, der vor einer Sekunde noch dem Tode geweiht war.

Kaum hatte ich das getan, so sah ich etwas weiter einen identischen Käfer in gleicher Lage. Auch er ruderte mit den Beinchen. Ich hatte keine Lust mich zu rühren … Aber – Warum hast du den einen gerettet, und diesen nicht? … Warum den anderen … und dieser? … Einen hast du beglückt, der andere soll sich quälen? Ich nahm einen Stock, streckte den Arm aus – und erlöste ihn.

Kaum hatte ich das getan, so sah ich etwas weiter einen gleichen Käfer in identischer Lage …
Sollte ich meine Siesta in einen Rettungswagen für sterbende Käfer verwandeln? Aber ich war schon zu heimisch in diesen Käfern, in ihrem sonderbar hilflosen Gerudere … und ihr werdet verstehen, daß ich diese Rettung, da ich sie einmal begonnen hatte, nicht an beliebiger Stelle unterbrechen durfte. Es wäre zu grausam für den dritten Käfer gewesen – gerade an der Schwelle zu seinem Unglück einzuhalten … allzu furchtbar und irgendwie unmöglich, nicht zu machen … Ja, wenn zwischen ihm und denen, die ich erlöst hatte, irgendeine G r e n z e gewesen wäre, irgendetwas, das mich zum Aufhören ermächtigt hätte – aber es gab eben nichts, nur weitere 10 cm Sand, immer der gleiche sandige Raum, zwar ‚etwas weiter‘, aber nur ‚etwas‘. Und er ruderte ebenso mit den Beinchen! Doch als ich mich umsah, entdeckte ich ‚etwas‘ weiter noch vier solcher Käfer … – es half nichts, ich erhob mich in all meiner Riesengröße und rettete sie sämtlich. Sie zogen davon.

Da fiel mir der glänzend-heiß-sandige Abhang der nächsten Düne in die Augen, und darauf fünf oder sechs zappelnde Punkte. Käfer. Ich eilte ihnen zu Hilfe. Und hatte mich schon so an ihrer Qual verbrannt, war schon so in ihr aufgegangen, daß ich, als ich in der Nähe neue Käfer … sah, diesen Ausschlag gepeinigter Pünktchen, wie verrückt auf diesem Sand zu Gange war, nur helfen, helfen, helfen! Aber ich wußte, das konnte nicht ewig so gehen – war doch nicht nur dieser Strand, sondern die ganze Küste mit ihnen übersät, so weit das Auge reichte; so war es nur eine Frage der Zeit, bis ich sagen würde ‚genug‘, und es zu dem ersten nicht geretteten Käfer käme. Welcher? Welcher? Welcher? Immer wieder sagte ich mir ‚dieser‘ – und rettete ihn doch, weil ich mich nicht zu dieser schrecklichen, schier niederträchtigen Willkür durchringen mochte – denn warum dieser, warum ausgerechnet dieser?

Bis es schließlich in mir zum Bruch kam, plötzlich, glatt, ich brach das Mitleid ab, blieb stehen, dachte ganz unbeteiligt ‚naja, es reicht‘, machte kehrt und ging zurück. Der Käfer aber, jener Käfer, bei dem ich aufgehört hatte, blieb dort mit rudernden Beinchen zurück (was mich eigentlich nicht mehr kümmerte, so als wäre mir der ganze Spaß zuwider – aber ich wußte, daß mir diese Gleichgültigkeit von den Umständen aufgezwungen war, und trug sie in mir wie einen Fremdkörper).“

(Witold Gombrowicz: Tagebücher. Fischer S. 428 ff.)