Der Efeu

Ein Märchen

Einstmals trug der Efeu die wunderlichsten Blüten, voller Farbenpracht und süßlichem Duft. Zu seinen Füßen fielen die Bienen und Hummeln ermattet zu Boden, denn sie konnten sich nicht satt trinken am süßen Nektar und vergaßen Ruhe und Schlaf darüber. Ein bunter Teppich aus Schmetterlingen deckte den Grund, als Zeichen in Liebe verendeter Geschöpfe.

Majestätisch und stolz rankte sich die herrliche Pflanze am Baume empor, die Gunst der gesamten Tierwelt genießend. Die frühen Menschen verehrten den Efeu als eine göttliche Pflanze und feierten alljährlich ein Fest, wenn die erste Blüte am Zweig erschien. Den starken Stamm aber, an dem sich das Gewächs emporrankte, den würdigte man nicht und so kam es, daß auch der Efeu ihm keine Beachtung mehr schenkte. Endlich wuchs er höher und stärker als je zuvor, trieb immer neue prachtvolle Kelche und langte zu guter Letzt an der Baumeskrone an. Noch achteten die Vögel der Lüfte seiner nicht, konnten sie das Blütengepränge unter dem Wipfel des Baumes nicht sehen, und just die Vögel suchte der Efeu sich gefügig noch zu machen. Auch sie sollten in stiller Anbetung zu seinen Füßen liegen und ihr letztes Lied versingen. Also schickte der Efeu sich an, selbst das Laubwerk und die äußersten Äste des Riesen zu erklimmen. Das warnende Ächzen und Stöhnen des Baumes verhallte ungehört im Wald. Und während der Efeu zu guter Letzt seine höchste und schönste Knospe entfaltete, durchlief den alten Baum ein leises ersticktes Zittern – nicht der Wonne, wie mancher glaubte.

In diesem einen Frühling kamen auch die Vögel und taten ihren letzten huldigenden Hauch am Fuße des Efeus, der am hohen Stamme rankte. Dann kam der Sommer und der Herbst und der Winter und ein jeder arbeitete hart am toten Gehölz. Als sich im nächsten Lenz der Efeu anschickte, seine Blüten zu bauen, und Wasser und Nahrung durch seine Adern trieb, da brach der Baum in seinem Innern laut krachend in sich zusammen. Wie ein Gerippe sah der Efeu nun aus. Verzweifelt versuchte er die häßlichen Lücken im Blüten- und Blattwerk zu schließen, doch als ein Windstoß kam, da sackte auch er zusammen und ging jämmerlich zugrunde.

Vorbei die schöne Zeit. Kein Vogel und kein Insekt kümmerte sich mehr um die gefallene Köstlichkeit, nichts als ein Rudel Schweine kam vorbei und fraß laut grunzend die welken Blüten.

Um den schönen Efeu war’s geschehen.

Ein einziger Trieb nur überlebte und verkroch sich viele Lenze schamvoll in der Erde. Nur langsam wagte er sich wieder hervor; eine Blüte zu treiben, traute er sich jedoch nicht. Seither kriecht der Efeu ängstlich am schattigen Boden, und zeigt das gewöhnlichste Grün. Nur wenn ein Baum ihm freundlich zuspricht, wagt er einen langsamen Aufstieg.

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