Zum Reformationstag

Auch das deutsche Volk hat seine revolutionäre Tradition. Es gab eine Zeit, wo Deutschland Charaktere hervorbrachte, die sich den besten Leuten der Revolutionen anderer Länder an die Seite stellen können, wo das deutsche Volk eine Ausdauer und Energie entwickelte, die bei einer zentralisierteren Nation die großartigsten Resultate erzeugt hätte, wo deutsche Bauern und Plebejer mit Ideen und Plänen schwanger gingen, vor denen ihre Nachkommen oft genug zurückschaudern. (Friedrich Engels)

Aus meinen Studientagen ragt noch immer eine besondere Vorliebe für die Reformationszeit in mein Leben. Qua Geburt auf der Seite Münzers, sind es doch die viel widersprüchlicheren Gestalten Andreas Karlstadt und Martin Luther, die auch heute noch faszinieren. Jedes Jahr nehme ich mir daher eine Biographie Luthers vor – die Karlstadt-Literatur ist dagegen endlich und längst abgearbeitet–, um eine weitere Perspektive kennenzulernen. Diesmal aber rief mich ein anderes Buch aus entferntem Regal an. Mir schien, aus verblaßter Leseerinnerung, es könnte aktuelle Fragen beantworten: „Der deutsche Bauernkrieg“ von Friedrich Engels.

Engels ist nicht nur der ungekrönte König aller Hipster, er repräsentiert vielmehr eine intellektuelle Konzentrationskraft, gepaart mit sprachlicher Schärfe, wie man sie heutzutage nicht mehr findet. Luther kommt bei ihm nicht gut weg und wird fast zur Nebenfigur degradiert; Engels‘ ganze Sympathie gehört den Tat- und Kraftmenschen, vom einfachen sich selbstaufopfernden Bauern bis hin zu den Radikaldenkern wie Münzer.

Statt sich privaten Eingebungen zu beugen, geht er streng systematisch vor, und zwar ganz im Sinne Marx‘. Folglich beginnt das Buch mit der ökonomischen Analyse der Zeit, denn aus ihr – den im weitesten Sinne ökonomischen, materiellen Grundlagen – glaubten die Klassiker des Marxismus alles ableiten zu können. Individualität bleibt unberechenbar, aber das grundlegende Ergebnis, so die Annahme, müßte doch bestimmbar sein. Und welch eine Vielfalt an Interessen: die Fürsten, der hohe und niedere Adel, die Ritter, die hohe und die plebejische Geistlichkeit, die Städte, die Patrizier, die bürgerliche Opposition vom reichen Bürger über den Handwerker bis zum Gesellen und Tagelöhner, die Militärs und natürlich die Bauern in ihrer regionalen und sozialen Differenziertheit, sie alle hatten, bewußt oder unbewußt, eigene Interessen, sie bildeten „eine höchst verworrene Masse mit den verschiedenartigsten, sich nach allen Richtungen durchkreuzenden Bedürfnissen. Jeder Stand war dem anderen im Wege, lag mit allen anderen in einem fortgesetzten, bald offnen, bald versteckten Kampf.“ Das ist die Essenz von Geschichte und am Ende, so schrieb Engels an anderer Stelle einmal, kommt immer etwas anderes heraus, als irgendeine Partei je bezweckt hatte. Wer naiv genug ist, „alle Illusion für bare Münze zu nehmen, die sich eine Epoche über sich selbst macht oder sich die Ideologen einer Zeit sich über diese Zeit machen“, der kann zu keinem Durch- oder Überblick gelangen.

Dies einmal in aller Prägnanz abgehandelt, wendet sich Engels nun der „Ideologie“ zu, insbesondere dem Konflikt zwischen Luther und Münzer (d.i. den Radikalen). Beide repräsentierten „nach ihrer Doktrin wie nach ihrem Charakter“ vollständig ihre jeweiligen Parteien, was der diskutablen Überzeugung, daß eine notwendige historische Entwicklung notwendigerweise die notwendigen Protagonisten hervorbrächte, Ausdruck verleiht. Luther wirft am 31. Oktober 1517 mit seinen Thesen – ohne es ahnen zu können – den Blitz ins trockene Stroh und hält den Brand mit seiner Bibelübersetzung am Schwelen. Aber er fürchtet die Explosion und macht daher in wenigen Jahren eine zwangsläufige Änderung durch: Vom Revolutionär zum verbalen Schlächter „wider die Mordischen und Reubischen Rotten der Bawren“. Münzer nimmt unter anderem Vorzeichen eine ähnliche Entwicklung: Aus dem Fürstenprediger und schlauen Theologen wird der Agitator, an dessen neuem Stil man ersehen kann, „auf welcher Bildungsstufe das Publikum stand, auf das er (nun) zu wirken hatte“.

Der Rest ist Geschichte. Engels beschreibt sie so bündig wie fesselnd. Luther verursachte mit seinen Ablaßthesen die Initialzündung: „Die mannigfaltig durcheinanderkreuzenden Bestrebungen der Ritter wie der Bürger, der Bauern wie der Plebejer, der souveränitätssüchtigen Fürsten wie der niederen Geistlichkeit, der mystifizierenden verborgenen Sekten wie der gelehrten und satirisch-burlesken Schriftstelleropposition erhielten in ihnen einen zunächst gemeinsamen, allgemeinen Ausdruck, um den sie sich mit überraschender Schnelligkeit gruppierten.“

Der Adel stand auf unter Hutten und Sickingen und mußte ebenso mit dem Leben bezahlen wie zehntausende hingemetzelte und gefolterte Bauern im schwäbisch-fränkischen, im thüringischen Bauernkrieg und an vielen anderen Orten (dem Vogtland etwa). Die „rasche Entwicklung der Bewegung mußte auch sehr bald die Keime des Zwiespalts entwickeln, die in ihr lagen, mußte wenigstens die durch die ganze Lebensstellung direkt einander entgegenstehenden Bestandteile der erregten Masse wieder voneinander reißen und in ihre normale feindliche Stellung bringen.“ Einigkeit herrschte nur – aus der existentiellen Not heraus – unter den Fürsten, die unter allen Verlierern, die einzigen Gewinner waren. Ihnen galt die geballte Wut aller – als Ergebnis gingen sie gestärkt hervor.

Alles in allem eine Geschichtslektion par excellence, statthaft schon deshalb, da Engels das Buch schrieb, um strukturelle Ähnlichkeiten und Unterschiede zur Revolution von 1848/49 aufzuzeigen:

Eine Bewegung, die glaubt, einen gerechtfertigten Anspruch zu erheben, die aber nicht erhört wird, muß sich zwangsläufig radikalisieren, sofern sie nicht zuvor gewaltsam unterdrückt wird! Scheitern muß sie trotzdem, sofern sie ihre Partikularinteressen nicht zu zähmen weiß.

Quelle:
Friedrich Engels: Der deutsche Bauernkrieg. MEW 7
Friedrich Engels: Vorbemerkung zur zweiten deutschen Ausgabe. MEW 16

Differenzen – Syrer

Es kommen immer mehr Sprachbedürftige in unsere Kurse. Diese Woche lernte ich zwei Syrer kennen und da ich gerne Arabisch lernen möchte, der eine sich als Arabischlehrer vorstellte, war die Einigkeit schnell da: eine Stunde Deutsch, eine Stunde Arabisch.

Als ich in die Wohnung eintrat, schauten mich zehn Augenpaare aus dunklen, bärtigen Gesichtern an. Salem aleikum! Letztlich blieben acht Männer sitzen, von denen zwei weitere während unseres Gespräches gingen. Bleiben sechs und die wollen nun alle mit mir Deutsch lernen. Überraschungen – das hat bereits die Erfahrung mit den Eritreern gezeigt – gibt es immer wieder.

Die Männer sind zwischen 20 und 45 Jahren alt, sehen meist älter aus, alle Muslime, alle aus oder mit kinderreichen Familien, zwei Studenten (Arabisch, Civil Engineering), zwei Autohändler, ein Krankenpfleger, ein „Kuhhändler“. Die älteren haben drei oder mehr Kinder, wollen sämtlich den Familiennachzug. Bis auf einen sprechen sie etwas Englisch. Erstaunlicherweise können vier von sechs schon die Grundlagen in Deutsch (Hilfsverben, Modalverben, Begrüßung u.ä.), sie sind also schon weiter als die Eritreer, die z.T. bereits 18 Monate in D weilen. Immer wieder wird mir beteuert, wie wichtig es ihnen sei, zu lernen und zu arbeiten, auch daß sie anders als andere, fleißiger als Afghanen oder Iraker seien. Am liebsten würden sie sofort beginnen. Meine Anforderungen sind – wie an anderer Stelle erwähnt – sehr hoch: Ich erwarte Konzentration, Erledigung der Hausaufgaben, Einhalten der Termine. Das fiel auf sehr fruchtbaren Boden, sie waren regelrecht froh darüber, endlich ernsthaft gefordert zu sein. „We need a man like you.“

Ich ließ mir die politische Situation in Syrien erklären und fragte nach Lösungen: There is none. Dann erklärte ich die Lage Deutschlands, die Probleme, vor denen das Land aufgrund der Flüchtlingskrise steht. Pegida wollten sie ganz genau erklärt haben. Der Unterschied zwischen Islam und Islamisierung schien eine Art Erleuchtung zu sein. Auch dafür Verständnis. Ich bat sie, in der Öffentlichkeit mit ihrem Glauben defensiv umzugehen, zumal sie in einem sozialen Problemviertel der Stadt untergebracht sind. Ähnlich wie schon bei den Eritreern schien ihnen der Gedanke, daß man auch nicht an einen Gott glauben könne, neu und fremd zu sein. Gekicher und Erstaunen, danach längere Diskussion auf Arabisch, weil einem der Männer die Vorstellung offenbar nicht faßbar war. Danach aber: „No problem“. Nicht das Christentum, also der andere Glaube, könnte ein Thema werden, sondern der Nichtglaube. Ich werde dem weiter nachgehen, will mich aber erst einfühlen. Während die Eritreer bei aller äußerlichen Freundlichkeit auch nach acht Wochen noch immer ein Enigma bleiben, hat man bei den Syrern schon nach zwei Stunden das Gefühl, mögliche Freunde gefunden zu haben. Nachdem ich mich verabschiedet hatte, nahm einer der Männer mir mein Fahrrad aus der Hand und trug es die Treppen hinunter. Für mich befremdlich, eine Art Unterwürfigkeit, für ihn eine Form des Respekts, wie er erklärte, und ein Zeichen, daß man mich möge.

Integration – Unterschiede

Seit Wochen predige ich meinen wirklich interessierten Eritreern: Schafft euch einen Fernseher an oder wenigstens ein Radio und hört und seht deutschsprachige Sendungen. Nur so, wenn ihr schon kaum Kontakt zu Deutschen habt, könnt ihr euch in die Sprache einlauschen.

Nun aber ist der Antennenanschluß im Hause tot. Also müßte eine Schüssel her – an Eigeninitiative mangelt es leider. Zwei Marokkaner, die Etage darunter, haben es auch geschafft. Ich frage Adlan, der neben Blin, Tigre und Tigrinya auch Arabisch spricht, ob er nicht fragen könne, wie die beiden das gemeistert haben? Er winkt ab: „Nicht gut“, das Verhältnis zu den Marokkanern ist schlecht, man geht sich aus dem Weg, „viel trinken“ spielt wohl auch eine Rolle.

Jetzt prangt eine neue Schüssel an der Hauswand: die Nebenwohnung, wo vier Somalier leben. Die hatte ich auch schon zum Sprachunterricht, aber sie kommen nicht regelmäßig, schaffen es nicht, den Hausflur zu überwinden. Also schaue ich dort vorbei, um mich zu erkundigen, wie die technischen Probleme gelöst wurden. Einer liegt im Bett (17 Uhr) und schläft, der andere fläzt gelangweilt auf dem Boden, ißt apathisch irgendeine unappetitliche Dose leer und schaut tatsächlich in die Röhre: Sharya TV, Arabisch. Live aus einer riesigen Moschee. Deutsche Sender? Keine …

Abends durchhallen arabische Gebetsgesänge gespenstisch das vornehmlich ex-proletarische, „prekäre“ Viertel.

Völker, hört die Signale!

Etienne Balibar? Etienne Balibar lebt noch? Etienne Balibar, der zusammen mit Louis Althusser „Das Kapital lesen“ geschrieben hat? Tatsächlich – gestern ein langer, grundlegender, wichtiger  Artikel in der „Zeit“.

http://www.zeit.de/2015/41/asypolitik-europa-fluechtlinge-angela-merkel

Althusser war der weit bedeutendere der Beiden. Mit „Das Kapital lesen“, mit „Für Marx“ und „Lenin und die Philosophie“ hatte er wirkmächtige Bücher geschrieben, wirkmächtig in Studentenkreisen, denn einen Althusser auf dem Tisch liegen haben, das galt schon was. Darin hatte er Marx strukturalistisch gelesen, mit ein bisschen Freud und Lacan vermixt, wie das damals en vogue war – ein kolossales Wortgeklingel, das zwar kein Mensch verstand, das sich aber gerade deswegen wirkmächtig ausnahm – besonders bei bestimmten Frauen … Egal, Althusser jedenfalls galt den 68ern und den Poststrukturalisten als moderner Klassiker und als der beste Kenner von Marx. In seiner von rousseauschem Aufrichtigkeitsfuror geprägten Autobiographie „Die Zukunft hat Zeit“, gestand er später ein, Marx kaum gelesen, nur punktuell zur Kenntnis genommen zu haben, was sich durch besagtes Wortgeklimper aber ganz gut kaschieren ließ. Und dann wurde er noch mal berühmt, weil er seine Frau erwürgte – ja, Althusser würde man so schnell nicht vergessen.

Balibar nun, der Vergessene, meldet sich in der Frage aller Fragen zu Wort und die „Zeit“ – der man für den Abdruck danken muß – titelt den Beitrag schicksalschwanger: „Stunde der Wahrheit“.

Und dann erschrickt man schon über den Einleitungstext: „Angela Merkels Handeln in der Flüchtlingskrise verdient größten Respekt. Sie hat sich für das Asylrecht und gegen die ‚Festung Europa‘ entschieden … Nun muß sich der Kontinent demographisch erweitern und politisch neu definieren.“ Richtig gelesen? Angela Merkel hat sich entschieden und nun muß der Kontinent usw.? Wer ist diese Merkel? Gott? Der Ton jedenfalls ist gesetzt.

In Sprachspielen versiert, definiert Balibar den Gedanken gleich normativ (dazu morgen mehr) um: Was wir erleben ist – da wurde noch gar nichts beschrieben, geschweige denn analysiert –, was wir erleben, ist jedenfalls „eine Erweiterung der Union, ja der europäischen Konstruktion selbst“. Punkt! Analysieren muß man das auch gar nicht, denn die Erweiterung „wird uns vielmehr durch die Ereignisse im Modus eines ‚Ausnahmezustandes‘ aufgedrängt“, diese nicht-territoriale, sondern demographische Erweiterung. Und damit wir uns gleich richtig verstehen, demographische Erweiterung meint „ihrer Natur nach menschliche Erweiterung“ und das ist mindestens doppeldeutig, denn das Gegenteil von „menschlich“ ist sowohl nicht-menschlich (institutionell) als auch unmenschlich. Diese menschliche demographische Erweiterung also nicht als das hinzunehmen, was sie in Balibars Verständnis ist – eine schicksalhafte, vielleicht auch von Gott initiierte und sanktionierte Entwicklung –, könnte darüber entscheiden, ob man menschlich oder unmenschlich denkt und handelt, könnte auch darüber entscheiden, ob man sich innerhalb oder außerhalb des Diskurses der Vernünftigen stellt.

Nun sieht Balibar trotz allem die Gefahr: Wir (alle) sind im „Ausnahmezustand“. Ein schwerwiegender Begriff, der gerechtfertigt werden will. Balibar sieht „daß ein wichtiger Teil der europäischen Verfassung de facto nicht mehr funktioniert“, er sieht, daß der Krieg im Nahen Osten damit zu tun hat (Daß damit die Zahl der Flüchtlinge folglich steigen soll, und nicht nur die der syrischen oder nahöstlichen Flüchtlinge, ist ein gern genutzter, wenn auch erschreckend billiger Hütchenspielertrick der Pro-Asyl-Lobby: Es ist irgendwo Krieg auf der Welt, also haben Pakistanis, Afghanen, Iraker, Syrer, Eritreer, Albaner, Kosovaren, Mazedonier, Serben, Bosnier, Gambier, Libyer, Malier, Kongolesen, Somalier, Sudanesen, Marokkaner, Tunesier … ein Recht usw.) Vor allem aber sieht Balibar, daß eine „Konfrontation Europas mit sich selbst“ droht, die „durchaus gewaltsame Formen annehmen kann.“ Das alles sieht er, klar erkennt er die möglichen katastrophalen Folgen, aber etwas gegen die Ursachen zu tun, kommt ihm nicht in den Sinn, zu stark ist die Gesinnung und die gebietet, selbst bei der Einsicht in die Folgen. (Ein Reh rennt auf die Fahrbahn. Meine humanistische Gesinnung gebietet mir, dieses Lebewesen zu schonen, also bremse ich und nehme in Kauf, daß hinter mir 20 Wagen auffahren. Die Gesinnung war gut.)

An dieser Zäsur versucht er nun die Kanzlerin zu verstehen. Sie habe die Flüchtlingskrise – die eigentlich ein Schicksal ist – als eine „politische“ begriffen. Nicht als eine menschliche, sondern als eine politische. Das heißt, ihre scheinbaren ad-hoc-Entscheidungen sind eben nicht emotionale, sondern notwendige, strategische, also politische Entscheidungen. Als Dea Angela kann sie – Kraft ihrer Wassersuppe – den Ausnahmezustand erklären – was sie im streng politischen Sinne im Übrigen noch immer nicht getan hat. Mit „Ausnahmezustand“ meint Balibar die Verbalisierung dessen, was ist und eben nicht eine politische Entscheidung. Taschenspielertrick 2. Den Ausnahmezustand erklärt sie, indem sie „einseitige Maßnahmen verkündet“ – im Stile eines absolutistischen Königs oder eines Generalissimus – „um den Vorrang des Asylrechts“ zu behaupten. Asylrecht hebelt qua Merkelbeschluß und von der postsartreischen französischen Philosophie gebilligt, alle anderen Rechte aus, Artikel 16a wird von nun an Artikel 1. (siehe dazu: http://www.focus.de/politik/deutschland/wir-verteidigen-europas-werte-asylrecht-kennt-obergrenze_id_5016673.html). Dies ist zwar nicht rechtens, wird von der Morallinken aber gefeiert, ist also richtig, und zwar weil es ihr, der Linken, gefällt. Logisch ergibt sich daraus – noch immer Kraft ihrer Wassersuppe – „eine Erneuerung der demokratischen Werte unserer (sic!) Staaten“. Damit die Grenzen dieser neuen Demokratie gleich mal abgesteckt werden, schließt sie (dieses „sie“ ist auch bei Balibar doppeldeutig), schließt sie also „jede ‚Toleranz‘ gegenüber fremdenfeindlichen Strömungen definitiv aus“, inklusive der unausgesprochenen Feststellung, daß jeder Widerstand „fremdenfeindlich“ ist.

Das Schulterklopfen des strukturalistischen Stalinisten müßte die „Christdemokratin“ eigentlich bis ins Mark erschüttern, aber wir leben in Zeiten, in der Bündnisse ganz neu geschlossen werden – die alten Begriffe gelten nicht mehr, the time is out of joint. Versteht das endlich!

Balibar jedenfalls fühlt sich in diesen Aporien wohl wie der Fisch im Wasser. Aufkeimende Legitimitätszweifel werden demographisch-medial weggewischt. Sie, die Kanzlerin, „hat die Welle der Solidarität eines beträchtlichen Teils der Bevölkerung aufgenommen“, sie war ergo nur das Medium, das Ohr an der Menge. Als alter Dialektiker hätte Balibar eigentlich wissen müssen, daß hier starke Rückkopplung- und Synergieeffekte zwischen Dea-Medien-und-„eines beträchtlichen Teils der Bevölkerung“ gegeben hat. Wider Willen wird die Politikerin unbemerkt desavouiert – man nennt so etwas landläufig Populismus, einer der zahlreichen Gegensätze von Politik. Als Erklärungsansätze dienen einmal mehr nicht die Interessen des Landes, des Volkes, der Partei, der Menschen, die sie zu vertreten hat, sondern „Merkiavelli“ sah eine Gelegenheit, „das Bild der Unmenschlichkeit geradezurücken, welches ihr die ‚Regelung‘ der Griechenlandkrise eingetragen hat“. „Sie“ – Sie – „veränderte die Rahmenbedingungen, in der künftig die ungelöste Frage nach der europäischen Verfassung diskutiert werden wird“, obwohl es die „objektive Folge“ zeitigt, „daß sie den latenten Konflikt um die europäische Identität verschärft“.

Abzufinden hat man sich auf jeden Fall damit, denn der point of no return ist sowieso überschritten. Genau das ist es, was viele Menschen nicht akzeptieren wollen und was sie in eine ohnmächtige Verzweiflung bis Wut treibt: Daß Dea Angela entscheidet und das Land und seine Menschen vor vollendete und irreversible Tatsachen stellt. Das ist nicht Politik – also das Gemeinwesen betreffende und von der Polis getragene Entscheidungen zu fällen – das ist Apokalypse, Offenbarung, fleischgewordenes Wort. Das ist auch pervertierter Marx: „Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Dea ergreift“.

Worauf Balibar letztlich hinaus will, ist politisch durch und durch. Die uralte linke Denkfigur der Verantwortlichkeit, „weil Globalisierung Armuts- in Kriegszonen verwandelt“, die absurde Behauptung der apriorischen Grenzenlosigkeit Europas (das drei Viertel von der natürlichen Grenze des Meeres umgeben ist), führt letztlich zu des Pudels Kern: „Der Zugang zur europäischen Staatsbürgerschaft“ für alle Flüchtlinge, welche von den noch-existierenden europäischen Staaten verhindert wird, „nur“ – nur! – „weil sie sich weigern, den Weg der Supranationalität zu gehen“. Nur deshalb. Was aber ist der Staat? Das „kälteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lügt es auch; und diese Lüge kriecht aus seinem Munde: „Ich, der Staat, bin das Volk.“? Armer naiver Nietzsche: „L’État, c’est moi!“ – das haben wir ja schon gehört. Aber warum sollte der Staat Supranationalität überhaupt wollen? Unter Supranationalität meint Balibar nicht herkömmlich die internationale Verflechtung, er meint damit die komplette Auflösung des historisch gewachsenen Staates und der Nation und der Völker und die scheint alternativlos zu sein. Ein nationenfreier Superstaat mit einer europäischen Staatsbürgerschaft, die jedem verliehen wird, der hier ankommt, und jedem, der hier geboren wird. Die hochschwangere afghanische Immigrantin, die hinter der europäischen Grenze entbunden wird – voilà, ein Deutscher, Franzose, Italiener, Grieche, später ein „Europäer“, erblickt das Licht der Welt. Die europäische Staatsbürgerschaft hieße auch, daß gegen den status quo der vollkommenen Europäisierung nicht mehr demokratisch angegangen werden kann, zumindest ab jenem Moment nicht mehr, ab welchem die neuen europäischen Staatsbürger eine kritische Masse darstellen und ihre Interessen durch Wahl vertreten. (Sollte Schweden z.B., dessen Einwohneranteil mit migrantischem Hintergrund in Bälde die 50% übersteigt, ein ius soli einführen, dann wäre traditionellen schwedischen Bürgern die demokratische Abwahl kaum mehr möglich). Unabdingbar erscheint Balibar das ius soli schon deswegen, weil es „bekanntlich einer der mächtigsten Faktoren für die Integration auch der Eltern ist“. Diese Statistik ist zwar noch nicht gedruckt, aber was schert den Gesinnungsdenker die Empirie?

Aus all dem macht Balibar keinen Hehl: „Deutschlands (=Merkels) Entscheidung hat den europäischen Ausnahmezustand offiziell gemacht … Viel wichtiger jedoch ist die Feststellung, daß die Öffnung Europas für die Flüchtlinge eine Veränderung der herrschenden Politik mit sich bringen wird, die quer zu seiner jetzigen Wirtschaftsordnung steht.“ Jetzt endlich verstehen wir, was Balibar treibt: Es ist der alte pseudomarxistische Traum vom „Sturz des Kapitalismus“, euphemistisch ausgedrückt: „den neoliberalen Trend umkehren“. Und das neue Proletariat, die pauper – die es im Westen als handlungsfähige Klasse ja nicht mehr gibt – wird aus den Flüchtlingen rekrutiert. Nun kann sich der Strukturalstalinist nicht mehr halten und vergißt sich für einen kurzen Moment, kommt aus dem Wort-Versteck: „Diese Veränderungen können demokratisch entschieden, sie könnten aber auch technokratisch von oben aufgezwungen werden. Im ersten Fall werden sie scheitern, im anderen haben sie immerhin eine Chance auf Erfolg.“ Wohlgemerkt: im ersten Fall werden sie scheitern, im demokratischen! Zurück zur stalinistisch-technokratischen Diktatur. Und wer bietet sich an? Die Dea! Unheilige Allianzen!
….
Und weil das schon beschlossene Sache ist, wird im Schlußteil großzügig von „wir“ gesprochen und viele Male von „wir müssen“. Und vom „Europa der der Solidarität“, von der „transnationalen Front der Ablehnung der Flüchtlinge“ – Ablehnung dieser Politik meint in deren Buch immer Ablehnung der Flüchtlinge, der Menschen, ist konsequenterweise unmenschlich. Und dieses orwellsche „Wir“ ist dann sogar identisch mit „der Sache der Flüchtlinge“ – alle antagonistischen Widersprüche beseitigt, der alte Traum der Pseudomarxisten in Erfüllung gegangen.

Druckversion Word: Völker hört die Signale – Balibar

Didaktik – Deutsch für Ausländer

Seit sechs Wochen unterrichte ich zwei verschiedenen Gruppen (ca. 12 und 5) eritreeischer Flüchtlinge die deutsche Sprache. Zeit für ein erstes vorsichtiges Fazit, Zeit vielleicht auch, um ein paar Hinweise zu geben.

 
Daß es Eritreer sind, ist reiner Zufall. Ich meldete mich bei einer kirchlichen Organisation, die Sprachkurse anbietet. Dort wußte man selber nicht, wer kommen würde. Im vorherigen Kurs, so wurde mit berichtet, saßen ca. 20 Syrer. Die meisten von ihnen, so sagte man mir, hätten in diesem 12-wöchigen Kurs das Alphabet gelernt, einige seien aber auch, Originalton: „zu alt gewesen, um noch etwas lernen zu können“. So viel zum Thema Herzchirurgen und IT-Manager aus dem oft gelobten syrischen Schulsystem. (allerdings wurde diese Aussage just heute relativiert, dazu später).

 
Die Eritreer, insgesamt ca. 20 Männer und zwei Frauen (in zwei Gruppen aufgeteilt, für zwei Lehrer), scheinen sehr dankbare, stille, bescheidene Menschen zu sein (ganz anders als Somalier z.B.). Ich unterrichte sie sowohl in einem kirchlichen Gebäude als auch bei ihnen zu Hause.

 
Bewährt hat sich von Beginn an, streng und entschieden zu sein. Bevor ich überhaupt zu unterrichten begonnen habe, machte ich deutlich, daß ich volle Konzentration im Unterricht erwarte, fleißige Arbeit zu Hause und pünktliches Erscheinen zu den Terminen. Sollte das nicht möglich sein, so machte ich klar, werde ich den Unterricht sofort beenden und mir Menschen suchen, die wirklich lernen wollen. Obwohl die meisten schon über ein Jahr in Deutschland weilen, auch Kurse besucht wurden, ist das Niveau sehr schwach, sind praktisch keine Kenntnisse da, von zwei, drei Leuten abgesehen. Sicher, von Tigrinya zu Deutsch, das ist ein riesiger Schritt und selbst die Aussprache schafft hohe Hürden. So fällt es ihnen noch immer schwer, den langen Vokal „i“ am Wortanfang („ihr“) auch nur auszusprechen.

 
Mein Eindruck: diese Menschen sind vergleichsweise haltlos, haben kaum eine Alltagsstruktur, langweilen sich seit Monaten und Jahren und sind für eine Strukturierung sehr dankbar. Außerdem haben einige der Männer militärische Erfahrung, sind den festen Ton also gewöhnt. Eigeninitiative zeigen bisher nur wenige – gibt man ihnen keine Aufgaben wird auch nichts gemacht. Andererseits haben alle mindestens sieben Jahre lang eine Schule besucht, sind das Lernen also gewöhnt. Tempovorstellungen und Rhythmen freilich unterscheiden sich deutlich von meinen.

 
Jede Stunde beginne ich auf Englisch mit einem Überblick über die politische Lage. Da wir im Ort eine der größten Demonstrationen gegen die Flüchtlingspolitik haben (http://www.wirsinddeutschland-plauen.de), erleben sie die Spannungen sehr direkt. Immer wieder ermahne ich sie, die Chance in Deutschland zu nutzen und der erste Schritt sei das zügige Erlernen der Sprache. Nur so bestünde eine Möglichkeit, irgendwann in diesem Lande anzukommen. Sie hören sehr aufmerksam zu, der Motivationseffekt ist deutlich spürbar. Ich empfehle allen Lehrenden, der Ernsthaftigkeit der Situation angemessen, mit zurückhaltender Freundlichkeit, Offenheit und Autorität aufzutreten – scheindemokratisches „wollt ihr dies oder das“, vor überflüssige Alternativen stellen etc., führt nur zu Chaos, Desorientierung, Desinteresse und Unkonzentriertheit. Die Erfolge sind bereits sichtbar, schon nach sechs Wochen spürt man das wachsende sprachliche Selbstvertrauen. Mein Ziel ist es, diese Gruppe in einem Jahr zu befähigen, sich selbständig in Deutschland zu orientieren. Sie wissen, daß ihnen nicht viel Zeit bleibt, sie wissen, daß täglich Tausende ins Land strömen und sie wissen, daß die Ressourcen knapp sind.

 
Heute nun kamen zwei syrische Männer hinzu, beide mit recht guten Englischkenntnissen. Auch diesen werde ich nun gesondert Deutschstunden geben, allerdings im Austausch Arabisch bekommen. Einer der beiden Männer hat, wie er sagt, Lehramt Arabisch studiert, der andere beschrieb sich als Geschäftsmann. Sein lauter Klingelton war ein schrilles „Allahu Akbar“ – woraufhin ich ihm empfahl, dies zu ändern, um eventuelle Probleme in der Öffentlichkeit zu vermeiden. Auch das wurde sehr dankbar entgegen genommen und sofort umgesetzt.

 
Beispiel meiner heutigen Stunde:
1. Hausaufgaben einsammeln (ich gebe sehr viel HA, um die Vorgabe, jeden Tag wenigstens eine Stunde Deutsch zu üben, durchzusetzen)
2. „My little speech“ – in Englisch, damit alle verstehen. Heute: zur sonntäglichen Demo, zu Pegida, zu den Gesetzesänderungen, zu den Plänen in der Stadt eine weitere Erstaufnahmeeinrichtung für vorerst 300, mittelfristig 600 und langfristig gemunkelte und schnell dementierte 3000 Asylbewerber einzurichten; Gesundheitstipps, um sich vor Erkältungen und Grippe zu schützen; kommende Zeitumstellung
3. Konjugieren der Hilfs- und Modalverben, jeder einzeln alle Verben (muß jetzt fehlerfrei sitzen)
4. Die Sinnesverben plus „denken“ und „glauben“ – verstehen und konjugieren
5. Obst und Gemüse – anschauen, Name lernen, Gebrauch und eventuelle Gefahren (roh, gekocht, mit oder ohne Schale, Kerne, mögliche landwirtschaftliche Chemikalien etc.) Erstaunlich: sehr vieles ist ihnen unbekannt, selbst Granatapfel und Feigen
6. Ausgabe der Hausaufgaben – darin ausführliche Wiederholungsübungen plus Erlernen von 12 wichtigen Sätzen wie „Entschuldigung, können Sie mir bitte helfen“, also um Hilfe bitten, Ansprechen, Richtung erfragen, Bitten und Fragen formulieren etc.

 
Feedback: 12-faches und sehr herzliches „Dankeschön“. Was will man mehr?

Zukunft – Knickt Schweden ein?

In den großen deutschen Medien noch nicht mitteilungswürdig, in der skandinavischen Presse dagegen die Topmeldung: Das Land mit 9,6 Mio Einwohnern – vor 20 Jahren waren es noch 800 000 weniger, die Geburtenrate stieg von 1,5 im Jahre 2000 auf fast 2 im Jahre 2015 – schultert anteilig die größte Last in der Flüchtlingskrise. In diesem Jahr werden nahezu 190 000 Flüchtlinge dazu kommen (doppelt so viel wie angenommen), fast jeder Tag stellt einen neuen Einzelrekord auf, letzten Dienstag wurden allein 1792 Personen registriert. Schulen, Turnhallen, Campingplätze, Jugendherbergen, Hotels, Kasernen sogar ausgediente Gefängnisgebäude und Kriegsschiffe müssen als Notunterkünfte herhalten. Die Kosten explodieren, ein neuer Haushalt muß her, mehr als 29 Milliarden Kronen werden zusätzlich allein im nächsten Jahr von Nöten sein, rechnet man die Integrationskosten hinzu, werden 60 Milliarden Kronen fällig, 15 Milliarden mehr als der gesamte Verteidigungshaushalt. Kredite müssen aufgenommen, Sparmaßnahmen getroffen werden. Erste Prognosen sehen voraus, daß Schweden in 10 – 15 Jahren ein Land sein wird, in dem die Mehrheit der Einwohner Migrationshintergund aufweisen wird. Derweil steigen die inneren Spannungen – eine Serie von Brandanschlägen auf Asylunterkünfte erschüttert das Land. Gegner und Befürworter der Asylpolitik stehen sich zunehmend unversöhnlich gegenüber. Schon zu Beginn des Jahres äußerten muslimische Verbände, daß sie Verhältnisse wie im Deutschland der 30er Jahre fürchteten.

 
Nun scheint der schwedische Ministerpräsident (Sozialdemokratische Arbeiterpartei), bislang ein stoischer Befürworter der alternativlosen Einwanderung, seine innere Ruhe verloren zu haben. Er appellierte an die europäischen Partner, daß Schweden die Last nicht alleine tragen könne. „Jetzt wird es ernst“. Der Ruf nach Schließung der Grenze wird lauter, mindestens aber Kontrollen müssten her. Beides wird nun öffentlich diskutiert, beides wäre ein Tabubruch in der schwedischen Politik.

 
Im Nachbarland Dänemark sieht man es mit Besorgnis. Während die einen meinen, nun sei das kleine Land gefragt und müsse Schweden entlasten, kommentieren andere zynisch: „Wie man sich bettet, so liegt man“ oder „Nun beginnen die Äste unter Schweden zu brechen, das unter viel Tamtam so hoch wie möglich auf den Baum der Moral klettern wollte, um auf seine moralisch zweifelhaften Nachbarn hernieder zu schauen.“

 
Quellen:
http://www.svd.se/just-nu-170-000-asylsokande-2016/om/flyktingkrisen-i-europa
http://www.dn.se/nyheter/sverige/regeringen-behover-lana-for-att-klara-flyktingkrisen/
http://www.gp.se/nyheter/sverige/1.2871828-flyktingprognosen-mer-an-fordubblad
http://politiken.dk/udland/ECE2895539/sverige-i-flammer-fem-brande-paa-asylhjem-paa-10-dage/
http://politiken.dk/debat/profiler/hansdavidsen/ECE2895073/luk-graensen-sverige/
http://www.b.dk/globalt/svenskere-forhandler-om-graensekontrol
http://www.jyllands-posten.dk/protected/premium/international/ECE8142872/Medier-Sverige-har-kurs-mod-stramninger-p%C3%A5-asylomr%C3%A5det/
http://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/Schweden-diskutiert-ueber-Grenzkontrollen,rgsh123.html

Artenschutz für den „Asylanten“!

Eine Zensur findet nicht statt §5 GG

Am Dienstag, dem 13.10.2015, erschien dieser Artikel in der „Freien Presse“

FP 13.10.15 Asylanten

Daraufhin schrieb ich einen Leserbrief folgenden Inhalts:

Artenschutz für den Asylanten!

Eine Politikerin meint, das Wort „Asylant“ sei nicht statthaft, da politisch nicht korrekt. Die Leiterin der Agentur für Arbeit entschuldigt sich daraufhin erschrocken für den Gebrauch des „Unwortes“. Schuld soll der Suffix „-ant“ sein, der, so wird ein Sprachwissenschaftler aus der Süddeutschen Zeitung zitiert, den „Asylanten“ als „Killwort“ (sic! – was ist das für eine Sprache?) kennzeichne, dem Wort also eine negative Bedeutung verleihe.

Nun ist die deutsche Sprache in den letzten Jahrzehnten und Jahren durch eine unüberlegte Rechtschreibreform, durch Jugend- und Straßensprache, durch Neologismen und Anglizismen, durch „gendergerechte Sprache“ usw. in ihrer Ausdrucksfähigkeit enorm beschnitten worden, denn alle Änderungen zielten auf Differenzierungsverlust. Einen Hegel oder Kant, einen Goethe oder Hölderlin, fein ziselierende Sprachakrobaten, kann es schon deswegen nicht mehr geben, weil das Hochpräzisionsinstrument Deutsche Sprache verdumpft und verstumpft wurde.

Und dazu scheut man auch Desinformation und Diffamierung nicht, wie in obigem Fall. Die Nachsilbe „-ant“ im substantivischen Gebrauch bedeutet nämlich – vollkommen wertungsfrei! –: eine Person oder eine Sache, die etwas tut. Freilich kann man, wenn man Wörter wie „Ignorant“, „Querulant“ und „Denunziant“ aneinander reiht, den Eindruck erwecken, als würden Wörter mit „-ant“ eine negative Konnotation besitzen. Aber man kann mit dieser „Methode“ auch das Gegenteil beweisen. Wie wäre es z.B. mit „Lieferant“, „Fabrikant“, „Gratulant“, „Komödiant“, „Musikant“ „Diamant“, „Laborant“, „Kombattant“, „Kommandant“, „Proviant“ „Hospitant“ oder sogar „Demonstrant“ – alles negativ? Im Gegenteil, wer sich die Mühe macht, die Gesamtzahl der in Frage kommenden Substantive durchzuzählen, der wird ein enormes Übergewicht an positiven oder neutralen Bedeutungen feststellen.

Das sich dahinter verbergende Problem ist dies: Menschen machen ihre Unwissenheit und Ignoranz zum Maßstab von Bewertungen. Nun, das begegnet uns tagtäglich. Unakzeptabel aber wird es, wenn diese Menschen Politiker und/oder öffentliche Personen sind, und unerträglich, wenn sie den Menschen vorschreiben wollen, wie sie zu sprechen haben, also eine Moral daraus ziehen, und skandalös wird es gar, wenn Journalisten, die eigentlich sprachmächtig sein sollten, diese Torheiten auch noch verbreiten!

Und: Der Begriff „Asylant“ ist aus der inneren Logik der Sprache heraus vollkommen neutral und sollte – wie so viele Wörter – unter Artenschutz gestellt werden. Seine Benutzung sagt über die Einstellung des Sprechers – wie im Artikel unterstellt – nicht das Geringste aus, seine Untersagung dagegen sehr viel!

Am Tag darauf bat mich der verantwortliche Journalist, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Es entspann sich ein sehr aufschlußreiches halbstündiges Gespräch über die „Pressefreiheit“ – ein schwieriges Thema, wie mir versichert wurde, denn auch im Haus „munkelt“ und „raunt“ man viel, könne man nicht immer alles offen aussprechen, gebe es verschiedene Grundpositionen. In der Sache wurde mir recht gegeben. Leider werde der Brief – gegen seinen ausdrücklichen Willen – stark gekürzt erscheinen. Und so sieht er aus (15.10.2015)

Leserbrief FP Asyl

Von Zensur zu sprechen, wäre falsch und wohl auch größenwahnsinnig. Die Redaktion behält sich bei Leserbriefen immer das Recht auf Kürzung vor.

Trotzdem ist die „Verschlimmbesserung“ nicht ohne Bedeutung – dahinter verbirgt sich ein ebenso wichtiges Problem. Noch nie ist es mir nämlich gelungen, in der Lokalpresse einen Artikel zu veröffentlichen, in dem nicht unabgesprochen herumgestrichen, gekürzt, umgestellt wurde und noch nie waren diese Eingriffe zum Vorteil des Beitrages. Einige Artikel – Würdigungen Sloterdijks und Heideggers etwa – wurden glattweg abgelehnt, alle anderen Beiträge – komplette und auch abgesprochene Sachartikel ebenso wie Leserbriefe, ja sogar Interviews und Besprechungen meiner Bücher durch festangestellte Journalisten – wurden ohne vorherige Absprache verändert und gekürzt. Das Argument jeweils: „Das verstehen unsere Leser nicht“, „Das trifft nicht unsere Zielgruppe“, „Die Leute lesen keine komplexeren Artikel“ , „Das ist zu hoch“ u. ä.
Wegen zu hoher Qualität abgelehnt zu werden, verwundert denn doch. Es sagt viel über das Bild aus, das sich (diese) Journalisten von ihrer Klientel machen. Und selbst wenn das stimmte, wäre es nicht Aufgabe der Medien, zu versuchen, das Niveau der Leser zu erhöhen anstatt sich dem vermeintlich niedrigen sprachlichen und kulturellen Niveau der Leserschaft anzupassen?
Anpassung nach unten, in die Mitte hinein – das ist die Crux unserer modernen Gesellschaft. Sich strecken, sich aufrichten, streben, „Vertikalspannung“ (Sloterdijk) erzeugen statt sich bücken, täte Not.

Muslime in Dänemark I

„So etwas muß niemand befürchten“, versichert Angela Merkel in einem aktuellen Interview in „Bild“, auf die Frage, ob der Islam eine Bedrohung für Deutschland sei. „Deutschland, das ist und bleibt das Grundgesetz, die soziale Marktwirtschaft, Religions- und Meinungsfreiheit.“ … „Wir machen den zu uns kommenden Menschen vom ersten Tag an klar: Hier gelten Gesetze und Regeln des Zusammenlebens, die sie befolgen müssen. Nur so kann Deutschland für sie ein Ort des Schutzes sein.“
Wie gut das funktioniert, kann man an unserem nördlichen Nachbarn Dänemark ersehen. Dort werden allerdings in viel stärkerem Maße als bei uns Sprach- und Integrationskurse angeboten. Nun hat Jyllands-Posten – ein Leitmedium – zusammen mit dem Markforschungsinstitut Wilke eine Umfrage unter in Dänemark lebenden Muslimen gemacht und deren Ergebnisse mit früheren Umfragewerten verglichen. Zielannahme der Umfrage war es, die Korrelation zwischen Aufenthaltszeit im Land und sich daraus natürlicherweise ergebender verminderter Religiosität nachzuweisen.
Auf die Frage, ob die Anweisungen des Korans vollständig umgesetzt werden sollten (das meint wohl die klassische Frage nach Grundgesetz oder Koran), antworteten vor fast 10 Jahren 62,4% mit ja. Im Jahre 2015 sind es 77,2 %. Haben 2006 nur 37 % der dänischen Muslime fünf Mal am Tag gebetet, so sind es nun 50%. 2006 waren 28,6% der Ansicht, muslimische Mädchen sollten ab dem Jugendalter nur bedeckt in der Öffentlichkeit erscheinen, nun sind es 42,7%. Besonders unter den jungen Muslimen habe die Religiosität stark zugenommen.
So überrascht es nicht, daß von der im Westen viel diskutierten Reformierung des Islam über die Hälfte der dänischen Muslime (52,4%) nichts wissen will und keinen Bedarf sieht.
Die Wissenschaft gibt sich erstaunt, der Religionssoziologe Brian Arly Jacobson schlußfolgert: „Es sieht so aus, als seien die dänischen Muslime in jeder Hinsicht religiöser geworden, egal ob es sich um den Glauben oder die Praxis handelt. Prinzipiell hätten wir das Gegenteil erwartet, daß sie mit fortschreitender Zeit sich mehr und mehr den anderen Dänen, die nicht sonderlich religiös aktiv sind, angleichen“. Als Ursache macht Jacobson die 20-30 neuen Moscheen, die in den letzten 10 Jahren etabliert wurden, aus.
Imam Fatih Alev, vom „Dänischen Islamzentrum“, dem „einzigen und größten dänisch sprechenden islamischen Kulturzentrum“ (Moschee), macht hingegen die harte Rhetorik verantwortlich, der sich die Muslime in Dänemark ausgesetzt sehen. Das mache die Muslime bewußter und bestärke sie in ihrem Glauben. Außerdem gebe es zu wenig dänischsprachige Imame, was viele Jugendliche in die Arme radikaler „erzdänischer“ Muslime treibe, da sie die arabischen Predigten in den Moscheen nicht verstünden. Zur Reformierungsidee sagt Fatih Alev unzweideutig: „Man kann das, was im Koran steht und was der Prophet gesagt und zu tun befohlen hat nicht ändern. Tut man es, so ist man kein Muslim mehr.“
Zum Glück leben wir aber in Deutschland, wo, wie die Kanzlerin uns beruhigend mitteilt, allen Muslimen von Beginn an klar gemacht wird, daß das Grundgesetz gilt.

 

Quellen:
http://www.welt.de/politik/deutschland/article147483856/Frau-Merkel-wuerden-Sie-Fluechtlinge-bei-sich-aufnehmen.html

http://jyllands-posten.dk/indland/ECE8103969/Danske+muslimer+g%C3%A5r+mere+op+i+b%C3%B8n,+t%C3%B8rkl%C3%A6der+og+Koranen/

http://jyllands-posten.dk/indland/ECE8107671/Hver-anden-danske-muslim-Islam-skal-ikke-reformeres-og-tilpasse-sig/

http://denkorteavis.dk/2015/en-rystende-ny-meningsmaling-tyder-pa-at-et-stort-flertal-af-danske-muslimer-onsker-en-islamisk-stat/

http://dicenter.dk/om-dic/

„Polizisten sind Dummschwätzer“

Derart läßt sich Andre Schulz vom LKA Hamburg in der „Welt“ vom 18.10.2015 vernehmen. Man könne auch „1500 Franken und 1500 Oberbayern, also zwei fremde Kulturen, in einen leer stehenden Baumarkt quetschen und diese über Wochen zum Nichtstun verdammen“, das würde dort ebenso zu „Spannungen und Handgreiflichkeiten“ führen. Und wenn 80 Mädchen und Frauen mit 2500 „meist jungen Männern auf engstem Raum zusammengepfercht werden“, dann sollten sexuelle Übergriffe nicht überraschen.
Recht hat der Mann, auch wenn mir die Kulturferne der Franken von den Oberbayern (oder umgekehrt) bislang nicht bekannt war – eint sie nicht das heilige Band aus Weißwurst, Bier und Blasmusik? Und auch wenn die Konflikte nicht die gleichen wären – vielleicht wären die Franken/Oberbayern sogar die Problematischeren? Vielleicht sind die verwöhnten, von kleinauf vollkommen durchsexualisierten und durchpornographisierten, auf unmittelbare Triebbefriedigung konditionierten, fast alles als Ware und Objekt wahrnehmenden Franken und Oberbayern die potentiell hemmungsloseren Übergriffler?
Aber soziologisch und sozialpsychologisch ist an Schulz‘ Argument nichts auszusetzen. Überall, wo soziale und soziologisch relevante Ungleichgewichte entstehen, entstehen in der Regel auch Konflikte, die sich – insbesondere unter Männern und jungen Männern dazu (verantwortlich für mehr als 80% aller Gewaltverbrechen) – gewaltsam ausdrücken können. Das ist die Prämisse.
Wenn diese stimmt, dann darf man – als erste Konklusion – aber auch nicht die Augen davor verschließen, daß über eine Million (in Zahlen: >1 000 000) unbeweibter junger Männer pro Jahr (bei Annahme 1,5 Mio.) ein soziologisch bedenkliches Ungleichgewicht darstellen und daß aus dieser Menge mit einer gewissen statistischen Wahrscheinlichkeit heraus, die höher als das Mittel sein dürfte, Rechtsbrüche sexueller und nichtsexueller Gewalt zu prophezeien sind. Dabei kann man von Religion, Ethnie, Kulturkreis, Sprache und dergleichen abstrahieren, auch wenn diese Sekundärgrößen einen Sekundäreffekt auf die jeweilige Wahrscheinlichkeit haben dürften.
Um es anders zu sagen: mit dem, was Schulz sagt, sagt er genau das, was er eigentlich nicht sagen will.
Als zweite Konklusion (eine Variante des Paradoxons von Epimenindes) darf dann Schulz‘ Schlußwort gelten: „Dummschwätzer gibt es derzeit genug“.
Quelle: http://www.welt.de/debatte/kommentare/article147739641/Auch-Polizisten-sind-Dummschwaetzer-und-Brandstifter.html
Vgl. http://www.welt.de/print/wams/wissen/article147173718/Der-Mythos-vom-boesen-Testosteron.html

Unverhofft – Der friedliche Islam

Weimarer Impressionen I

Kurz vor der Rückfahrt fiel uns ein islamischer Infostand, der eine Liebesbotschaft verkündete, auf. Nichts wie hin! Wir wurden von einem sehr kultivierten Herrn angesprochen, dem man die indische Herkunft schon auf den ersten Blick ansah. Das Gespräch – es sollte eine intensive halbe Stunde werden – drehte sich sofort um die Zentralfragen dieser Religion: Scharia, Friedfertigkeit, Rolle des Propheten, Eroberungs- oder Verkündungsreligion, Trinität vs. sich-selbst-immunisierender Monotheismus usw. Herr Malik (Bild rechts), seit 20 Jahren in Erfurt lebend, vertritt die islamische Reformgemeinde Ahmadiyya Muslim Jamaat. Ihr Gründer Mirza Ghulam Ahmad verstand sich selbst als der Mahdi, als der von Mohammed angekündigte zweite Prophet, eine quasi-apokalyptische Gestalt, die die Endzeit/Offenbarungszeit einleite. Auch wenn er damit Anfangs in den bürgerlichen Schichten Erfolge feiern konnte, so dürfte er den meisten Muslimen als Ketzer, als Ungläubiger als kafir gelten. Die Gemeinde ist nichtsdestotrotz weltweit präsent und hat im pakistanisch-indischen Raum auch bedeutende Persönlichkeiten als Anhänger vorzuweisen. Wie auch immer: die Ahmadiyya sind ein lebender Beweis für die religiöse und ethnische Vielfalt des Islam – den Islam gibt es eben nicht.

Ahmadiyya

©seidwalk Die Ahmadiyya – Leben für alle. Haß für keinen.

Einig wurden wir uns dennoch nicht. Herr Malik versuchte nämlich, die historisch nicht wegzudiskutierenden Grausamkeiten der islamischen Bewegung vom mohammedanischen Beginn an, zu relativieren, und zwar mit dem Selbstverteidigungsargument. Daß Mohammed in seiner späten Phase auch ein Angriffskrieger war, wurde nicht recht akzeptiert. Auch mein Argument, daß sowohl die christliche als auch die buddhistische Lehre – und in letzterem Falle auch die Praxis – bei Angriffen das Ertragen und Überwinden des Gegners durch Sanftmut predigten, stieß auf kein Verständnis. Hamed Abdel-Samads Position erregte bei ihm nur Mitleid, obgleich beide Ansätze doch – wie ich betonte – zusammenarbeiten sollten, denn zumindest den gemeinsamen Gegner (den den gesamten Islam diskreditierenden Fundamentalismus und Extremismus) hat man doch.
Aber wir haben zumindest miteinander gesprochen, und zwar ruhig, kultiviert und argumentativ. Niemand wollte den anderen belehren oder überwinden. Niemand mußte sich verteidigen oder rechtfertigen. Diese erfreuliche Begegnung hat gezeigt, daß man auch bei gegenteiligen Positionen in Wesensfragen friedlich koexistieren, die Meinung des anderen einfach gelten lassen kann! Herrn Maliks aufopferungsreiche Arbeit – das Interesse der Weimarer Bürger hielt sich in Grenzen, das der Polizei hingegen war groß – ist aller Achtung wert und sollte unbedingt unterstützt werden.
Zum Abschluss schenkte er mir noch ein Buch von Mirza Ghulam Ahmad: „Die Philosophie der Lehren des Islam“, das ich zu gegebener Zeit an dieser Stelle vorstellen werde.
https://de.wikipedia.org/wiki/Ahmadiyya
http://www.ahmadiyya.de/home

Abbruch – Gombrowicz

„Ich lag in der Sonne, listig verborgen in der Gebirgskette, die von dem Sand gebildet wird, den der Wind am Rand des Strandes aufweht … Irgendwelche Käfer – ich weiß nicht, wie ich sie nennen soll – durcheilten diese Wüste eifrig mit unbekanntem Ziel. Und einer von ihnen, in der Reichweite meiner Hand, lag auf dem Rücken. Der Wind hatte ihn umgeworfen. Die Sonne knallte ihm auf den Bauch, bestimmt äußerst unangenehm für ihn, wenn man bedenkt, daß dieser Bauch es gewöhnt war, immer im Schatten zu sein – lag da und ruderte mit den Beinchen, und es war klar, daß ihm nichts blieb, als so monoton und verzweifelt mit den Beinchen zu rudern – und nach all den Stunden, die er da liegen mochte, ermattete er schon, lag im Sterben.

Ich der Riese, der ich durch meine ungeheure Größe unzugänglich, gar nicht vorhanden für ihn war – ich sah mir dieses Gewedel mit an … und befreite ihn aus seiner qualvollen Lage. Da zog er weiter, der vor einer Sekunde noch dem Tode geweiht war.

Kaum hatte ich das getan, so sah ich etwas weiter einen identischen Käfer in gleicher Lage. Auch er ruderte mit den Beinchen. Ich hatte keine Lust mich zu rühren … Aber – Warum hast du den einen gerettet, und diesen nicht? … Warum den anderen … und dieser? … Einen hast du beglückt, der andere soll sich quälen? Ich nahm einen Stock, streckte den Arm aus – und erlöste ihn.

Kaum hatte ich das getan, so sah ich etwas weiter einen gleichen Käfer in identischer Lage …
Sollte ich meine Siesta in einen Rettungswagen für sterbende Käfer verwandeln? Aber ich war schon zu heimisch in diesen Käfern, in ihrem sonderbar hilflosen Gerudere … und ihr werdet verstehen, daß ich diese Rettung, da ich sie einmal begonnen hatte, nicht an beliebiger Stelle unterbrechen durfte. Es wäre zu grausam für den dritten Käfer gewesen – gerade an der Schwelle zu seinem Unglück einzuhalten … allzu furchtbar und irgendwie unmöglich, nicht zu machen … Ja, wenn zwischen ihm und denen, die ich erlöst hatte, irgendeine G r e n z e gewesen wäre, irgendetwas, das mich zum Aufhören ermächtigt hätte – aber es gab eben nichts, nur weitere 10 cm Sand, immer der gleiche sandige Raum, zwar ‚etwas weiter‘, aber nur ‚etwas‘. Und er ruderte ebenso mit den Beinchen! Doch als ich mich umsah, entdeckte ich ‚etwas‘ weiter noch vier solcher Käfer … – es half nichts, ich erhob mich in all meiner Riesengröße und rettete sie sämtlich. Sie zogen davon.

Da fiel mir der glänzend-heiß-sandige Abhang der nächsten Düne in die Augen, und darauf fünf oder sechs zappelnde Punkte. Käfer. Ich eilte ihnen zu Hilfe. Und hatte mich schon so an ihrer Qual verbrannt, war schon so in ihr aufgegangen, daß ich, als ich in der Nähe neue Käfer … sah, diesen Ausschlag gepeinigter Pünktchen, wie verrückt auf diesem Sand zu Gange war, nur helfen, helfen, helfen! Aber ich wußte, das konnte nicht ewig so gehen – war doch nicht nur dieser Strand, sondern die ganze Küste mit ihnen übersät, so weit das Auge reichte; so war es nur eine Frage der Zeit, bis ich sagen würde ‚genug‘, und es zu dem ersten nicht geretteten Käfer käme. Welcher? Welcher? Welcher? Immer wieder sagte ich mir ‚dieser‘ – und rettete ihn doch, weil ich mich nicht zu dieser schrecklichen, schier niederträchtigen Willkür durchringen mochte – denn warum dieser, warum ausgerechnet dieser?

Bis es schließlich in mir zum Bruch kam, plötzlich, glatt, ich brach das Mitleid ab, blieb stehen, dachte ganz unbeteiligt ‚naja, es reicht‘, machte kehrt und ging zurück. Der Käfer aber, jener Käfer, bei dem ich aufgehört hatte, blieb dort mit rudernden Beinchen zurück (was mich eigentlich nicht mehr kümmerte, so als wäre mir der ganze Spaß zuwider – aber ich wußte, daß mir diese Gleichgültigkeit von den Umständen aufgezwungen war, und trug sie in mir wie einen Fremdkörper).“

(Witold Gombrowicz: Tagebücher. Fischer S. 428 ff.)

Der Efeu

Ein Märchen

Einstmals trug der Efeu die wunderlichsten Blüten, voller Farbenpracht und süßlichem Duft. Zu seinen Füßen fielen die Bienen und Hummeln ermattet zu Boden, denn sie konnten sich nicht satt trinken am süßen Nektar und vergaßen Ruhe und Schlaf darüber. Ein bunter Teppich aus Schmetterlingen deckte den Grund, als Zeichen in Liebe verendeter Geschöpfe.

Majestätisch und stolz rankte sich die herrliche Pflanze am Baume empor, die Gunst der gesamten Tierwelt genießend. Die frühen Menschen verehrten den Efeu als eine göttliche Pflanze und feierten alljährlich ein Fest, wenn die erste Blüte am Zweig erschien. Den starken Stamm aber, an dem sich das Gewächs emporrankte, den würdigte man nicht und so kam es, daß auch der Efeu ihm keine Beachtung mehr schenkte. Endlich wuchs er höher und stärker als je zuvor, trieb immer neue prachtvolle Kelche und langte zu guter Letzt an der Baumeskrone an. Noch achteten die Vögel der Lüfte seiner nicht, konnten sie das Blütengepränge unter dem Wipfel des Baumes nicht sehen, und just die Vögel suchte der Efeu sich gefügig noch zu machen. Auch sie sollten in stiller Anbetung zu seinen Füßen liegen und ihr letztes Lied versingen. Also schickte der Efeu sich an, selbst das Laubwerk und die äußersten Äste des Riesen zu erklimmen. Das warnende Ächzen und Stöhnen des Baumes verhallte ungehört im Wald. Und während der Efeu zu guter Letzt seine höchste und schönste Knospe entfaltete, durchlief den alten Baum ein leises ersticktes Zittern – nicht der Wonne, wie mancher glaubte.

In diesem einen Frühling kamen auch die Vögel und taten ihren letzten huldigenden Hauch am Fuße des Efeus, der am hohen Stamme rankte. Dann kam der Sommer und der Herbst und der Winter und ein jeder arbeitete hart am toten Gehölz. Als sich im nächsten Lenz der Efeu anschickte, seine Blüten zu bauen, und Wasser und Nahrung durch seine Adern trieb, da brach der Baum in seinem Innern laut krachend in sich zusammen. Wie ein Gerippe sah der Efeu nun aus. Verzweifelt versuchte er die häßlichen Lücken im Blüten- und Blattwerk zu schließen, doch als ein Windstoß kam, da sackte auch er zusammen und ging jämmerlich zugrunde.

Vorbei die schöne Zeit. Kein Vogel und kein Insekt kümmerte sich mehr um die gefallene Köstlichkeit, nichts als ein Rudel Schweine kam vorbei und fraß laut grunzend die welken Blüten.

Um den schönen Efeu war’s geschehen.

Ein einziger Trieb nur überlebte und verkroch sich viele Lenze schamvoll in der Erde. Nur langsam wagte er sich wieder hervor; eine Blüte zu treiben, traute er sich jedoch nicht. Seither kriecht der Efeu ängstlich am schattigen Boden, und zeigt das gewöhnlichste Grün. Nur wenn ein Baum ihm freundlich zuspricht, wagt er einen langsamen Aufstieg.